Cyberversicherungen auf der Überholspur?

Themenseite Cyberversicherung von Julia Thiem

Muss die Kfz-Versicherung um ihre Poleposition als größte Schaden-/Unfallsparte bangen? Markus Heyen, Partner im Bereich Financial Services bei KPMG, glaubt, dass Cyber das Potenzial hat, den Markt kräftig durchzumischen.

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procontra: Herr Heyen, eine These der aktuellen KPMG-Studie lautet: ‚Cyber-Versicherungen haben das Potenzial, die Kfz-Versicherung als volumenstärkste Sparte im Bereich Schaden/Unfall abzulösen’. Woran messen Sie dieses Potenzial?

Markus Heyen: Das Thema ist in den letzten zwölf bis 24 Monaten fast schon täglich in der Presse – vorrangig vor allem aufgrund immer neuer Cyberangriffe. Dabei verändern sich die Angriffsszenarien, und auch die Professionalität der Angreifer nimmt zu. KPMG hat im Rahmen der letzten Cyberversicherungsstudie eine Prognose erstellt, die auf Annahmen und Trends sowie Marktgesprächen basiert. In unserem Modell gehen wir davon aus, dass der Cyberversicherungsmarkt in Deutschland, Österreich und der Schweiz bis 2036 das Potential hat, die Kfz-Versicherung als größte Schaden-/ Unfallsparte abzulösen. Dabei sehen wir das Wachstum in den Bereichen Eigen-/ Fremdschadenabsicherung sowie im Bereich des Identitätsdiebstahls. 

procontra: Wenn es eher die Privathaushalte sind, die das Geschäft künftig treiben, warum konzentrieren sich so viele Versicherer bisher auf gewerbliche Kunden?

Heyen: Das Wachstum wird – wie häufig bei neuen Versicherungsprodukten – über die Industrie- und Gewerbekunden realisiert. Wenn Sie sich beispielsweise die D&O-Versicherung ansehen, ist ebenfalls auffällig, dass der Markt sich über das Wachstum im‚ Top-Segment, also den Industriekunden, zuerst entwickelt hat. Die Angriffsszenarien haben sich nach unserer Einschätzung in den letzten Monaten aber auch in Richtung von Privatpersonen entwickelt. Dieses Risiko wird derzeit im privaten Umfeld eher durch Produkte wie Vertrauensschaden- und Internetschutzbriefprodukte abgesichert.

procontra: Machen die vielen verschiedenen und teils diffusen Gefahren die Risikokalkulation für die Gesellschaften schwieriger?

Heyen: Das Risiko und die Angriffsszenarien sind sehr dynamisch und Art sowie Umfang der Betroffenheit sehr unterschiedlich. So reichen die Angriffe von Ransomware wie Petya bis hin zu APT-Angriffen (z.B. Angriff auf den Bundestag). Das Risiko ist somit nicht nur neuartig für die Versicherer, sondern unterliegt anderen Risikokalkulationen wie Kumulrisiken. Versicherer haben über Jahrzehnte die Versicherungsmathematik verfeinert und enorme Datensätze zur Produktkalkulation aufgebaut. Diese Historie fehlt bei Cyber fast gänzlich, und Marktteilnehmer sind derzeit bestrebt, Datenbestände und Erfahrung aufzubauen.

procontra: Die bisher am Markt angebotenen Policen für Privathaushalte stehen stark in der Kritik – zu sehr Rechtsschutz und Haftpflicht, zu wenig Cyber. Wo und wie können und müssen Versicherer hier nachbessern?

Heyen: Eine Bewertung der Produkte ist sehr schwierig und hängt immer vom individuellen Risikoprofil und Absicherungswunsch der Kunden ab. Richtig ist, dass Versicherer den Bedarf an Cyberversicherungen erkannt haben und zunehmend Produkte entwickeln. Parallelen zu Komponenten aus der Rechtschutz- und Haftpflicht-Sparte sind erkennbar. Allerdings folgt das Cyberprodukt etwa im Bereich der Schadenabwicklung anderen Prozess- und Serviceanforderungen. So steht nicht der Schadenausgleich in Form von Geld im Vordergrund, sondern ein Lösungsansatz, beispielsweise zur Wiederherstellung eines Datenverlusts oder Einspielen eines Datenbackups. Wir sehen am Markt Bestreben, die Cyberversicherungsprodukte konsequent weiterzuentwickeln. Angebote, die etwa einen eingeschränkten Versicherungsumfang anbieten, würden dabei zunehmend für Kunden unattraktiv.

procontra: Ein Ausblick: Was können Privathaushalte von Cyberpolicen künftig erwarten?

Heyen: Hier empfiehlt sich ein Blick in Märkte, die dem deutschen Cyberversicherungsmarkt einige Jahre voraus sind. In den USA zum Beispiel sehen wir bereits Deckungsformen und Angebote für Eigen- und Fremdschadenabsicherung sowie Absicherung des Identitätsdiebstahls für Privatpersonen. Aus unserer Sicht werden sich Produkte in Deutschland in ähnliche Richtungen entwickeln. Die Geschwindigkeit der Produktentwicklung- und Deckungskonzepte sowie der Durchdringungsgeschwindigkeit hängt erfahrungsgemäß von der zunehmenden Kundennachfrage ab.