Sorge um Lebensversicherer wächst

Versicherungen von Michael Fiedler

Die deutschen Lebensversicherer seien durch die niedrigen Zinsen auf den Kapitalmärkten weiterhin „merklich belastet“, heißt es im 4. Bericht zur Finanzstabilität in Deutschland. Wie die Risikotragfähigkeit gesteigert und „moderne Klassik“ die Eigenkapitalanforderungen senken kann.

Roland Weber, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung

Roland Weber, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), sieht die deutschen LV-Anbieter gut gerüstet, um eine länger währende Niedrigzinsphase durchzustehen. Bild: DAV

Die Bundesregierung legte dem Bundestag den 4. Bericht zur Finanzstabilität in Deutschland zur Unterrichtung vor. Darin heißt es u.a.: „Es besteht die Gefahr, dass die erwirtschafteten Erträge nicht mehr ausreichen, um den langfristigen Verpflichtungen nachzukommen“, schreibt der Ausschuss für Finanzstabilität, der den Bericht erarbeitet hat.
Mehrere deutsche Lebensversicherer hätten schon das Neugeschäft eingestellt und/oder würden den bestehenden Bestand abwickeln. „Die damit verbundene Konsolidierung kann die Risikotragfähigkeit des ganzen Sektors steigern“, heißt es im Bericht.

Abwicklung also als einziger Ausweg für die Lebensversicherer? Etwas milder in seinem Urteil ist Roland Weber, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Er sieht die deutschen Lebensversicherer gerüstet. „Wer aktuell ohne Übergangsmaßnahmen eine niedrige Bedeckungsquote hat, ist kein Wackelkandidat. Denn die BaFin genehmigt diesen Unternehmen die Anwendung der Übergangsmaßnahmen nur, wenn der Versicherer nachweisen kann, dass er nach Ende der Übergangsphase ohne diese Bilanzierungshilfen auskommt. Und sie fordert jährliche Fortschrittsberichte.“ Weber ist deshalb überzeugt, dass die LV-Anbieter auch eine noch weiter andauernde Niedrigzinsphase „gut bewältigen“ können.
Gleichwohl sollten jene Unternehmen, die Übergangsmaßnahmen in Anspruch nehmen, diese nutzen, um ihr Geschäftsmodell neu zu justieren, so Weber in der jüngsten Ausgabe von „Aktuar Aktuell“ (Juli 2017).

Moderne Klassik als Ausweg für LV-Anbieter

Darin gehen die Aktuare auch auf Produkte der „modernen Klassik“ ein. So hätten Versicherer erkannt, dass eine Garantie zum Ablaufzeitpunkt des Vertrages bzw. zum Übergang in den Rentenbezug viel wichtiger ist, als eine permanente Garantie während des gesamten Versicherungszeitraums. Allerdings: Wird der Vermögensaufbau vorzeitig abgebrochen, fällt die Leistung geringer aus, als würde der Vertrag durchgehalten. Solche Modelle verringern die Eigenkapitalkosten unter Solvency II. Die Ersparnis könne in Form von höheren Überschussbeteiligungen direkt an die Kunden weitergegeben werden, so die DAV. Andere Anbieter sind dazu übergegangen, ihren Kunden erst bei Vertragsablauf einen Beitragserhalt zu garantieren.
Die Aktuare sind sich sicher: Die großen Innovationen im LV-Bereich werden erst noch folgen. Möglichkeiten zur Anpassung von Preis und Leistung während der Laufzeit würden dabei vermehrt eine Rolle spielen. Auch die Frage, ob es in Zeiten zunehmend flexibler Erwerbsbiografien noch sinnvoll ist, sich zu Beginn des Arbeitslebens einmalig für eine Absicherung des Erwerbseinkommens oder der Altersvorsorge zu entscheiden, werde in Zukunft stärker als bisher im Mittelpunkt stehen.