„Schwaches London liegt nicht im Interesse der Makler“

Berater Top News von Jörg Müller-Brandes

Fabian Zuleeg, Chefökonom des European Policy Centre (EPC), der wichtigsten EU-Denkfabrik in Brüssel, über den aktuellen Stand des Brexit sowie über dessen Auswirkungen auf Makler und Finanzmärkte.

Fabian Zuleeg, Chefökonom des European Policy Centre (EPC)

Fabian Zuleeg, Chefökonom des European Policy Centre (EPC)

procontra: Herr Zuleeg, schon seit langem drehen sich die Diskussionen um die Frage, welchen Deal Großbritannien in seinen Verhandlungen mit der EU wohl anstreben wird. Wie beobachten Sie die aktuelle Situation?  

Fabian Zuleeg: Es ist immer noch schwierig, dies vorher zu sagen, weil es auch verschiedene Strömungen innerhalb Großbritanniens gibt, sogar innerhalb der Regierung. Aber ich denke, dass sehr klare Anzeichen dafür sprechen, dass es gewisse rote Linien für Großbritannien gibt. Insbesondere wenn es um die Frage eines unabhängigen Gerichtshofs geht oder um die Diskussionen über Freizügigkeit für Arbeitnehmer sowie um den Streit über britische Einzahlungen in den EU-Haushalt. In diesen zentralen Bereichen sehe ich im Königreich kaum Bereitschaft für Kompromisse. Daher ist es nach jetzigem Stand relativ unwahrscheinlich, dass Großbritannien im Binnenmarkt der Europäischen Union bleibt.  

procontra: Das würde also einen harten Brexit bedeuten?  

Zuleeg: Zunächst einmal muss man definieren, was ein harter oder ein weicher Brexit überhaupt ist. Nach meiner Definition hieße für Großbritannien ein weicher Brexit den Verbleib im Binnenmarkt, und dieser ist wie gesagt aus meiner Sicht momentan sehr unwahrscheinlich. Ein harter Brexit hieße demnach der Austritt aus dem EU-Binnenmarkt.  

procontra: Welche Varianten eines harten Brexit wären aus Ihrer Sicht denkbar?  

Zuleeg: Eine Variante hierbei wäre der harte Brexit, der geordnet abläuft und etwa in ein Freihandelsabkommen mündet. Es gibt aber auch einen möglichen schnelleren, härteren Brexit, der damit endet, dass Großbritannien keinerlei längerfristiges Abkommen mit der EU schließt. Klar ist: Je härter der Brexit, desto größer die Kosten – dies gilt ganz besonders für die britische Seite.  

procontra: Was bedeutet dies aber nun für die europäischen Finanzmärkte?    

Zuleeg: Falls Großbritannien nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes sein sollte, und die britische Finanzwirtschaft somit gleichzeitig nicht mehr die Möglichkeit des Passporting hätte, würde dies sicher einen sehr starken Wettbewerbsnachteil für die Unternehmen auf der Insel bedeuten. Großbritannien würde damit deutlich an Schlagkraft seiner Finanzwirtschaft verlieren.  

procontra: Was wären die Konsequenzen hieraus?  

Zuleeg: Es werden bei einem harten Brexit zwei Dinge passieren. Einerseits wird es eine Auslagerung von Finanzdienstleistungen aus Großbritannien heraus geben. Und in der Folge werden dann die Tochtergesellschaften, die ja in den meisten Fällen schon da sind, aufgestockt werden, während gleichzeitig Kapital aus London abgezogen wird, um diese Tochtergesellschaften auf dem Kontinent zu kapitalisieren.

procontra: Und das Zweite, das passieren wird?  

Zuleeg: Die konkurrierenden Finanzdienstleister auf EU-27-Ebene werden versuchen, die auf dem europäischen Markt entstandenen Lücken zu schließen und ein Wettbewerbsvorteil aus den Problemen Großbritanniens zu ziehen. Gerade dann, wenn Produktzulassungen in Großbritannien nicht mehr möglich sind. Ich denke, mit der Zeit wird es sehr klar werden, dass nur Produkte innerhalb der EU auch automatisch den Zugang zum europäischen Markt haben.  

Seite 1: Welche Konsequenzen hätte ein harter Brexit?
Seite 2: Die Folgen für den Makler

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