Regierung erwartet steigende Altersarmut

Versicherungen Top News von Stefan Terliesner

Laut Alterssicherungsbericht verhindert die gesetzliche Rente zukünftig auf abgesenktem Niveau bei vielen nicht den Absturz in Armut. Der Ratschlag zu mehr privater Vorsorge ruft Kritik hervor.

Steigende Altersarmut

Die Regierung rät zu mehr privater Vorsorge, um der steigenden Altersarmut zu entgehen.

Altersarmut wird für Millionen Menschen in Deutschland zum Problem. Denn das Versorgungsniveau der künftigen Rentner wird ohne zusätzliche Altersvorsorge in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen, berichten mehrere Medien über das wichtigste Ergebnis des bekannt gewordenen „Alterssicherungsbericht 2016“ des Bundessozialministeriums. Aus Regierungskreisen kam daraufhin offenbar der Ratschlag, mehr private Vorsorge zu betreiben. Auf Anfrage sagte eine Sprecherin des Ministeriums, dass sich der Alterssicherungsbericht derzeit in der Ressortabstimmung befindet. Er werde zusammen mit dem Rentenversicherungsbericht bis Ende November vom Kabinett beschlossen und anschließend Bundestag und Bundesrat zugeleitet. Dann würden beide Berichte auch auf der Webseite des Bundessozialministeriums veröffentlicht.

Nach Bekanntwerden erster Ergebnisse des Berichts ist jetzt die Aufregung groß. Dabei ist die Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus und der parallele Aufbau einer zusätzlichen privaten und betrieblichen Vorsorge seit mehr als zehn Jahren Gesetz. Damals freilich waren die Zinsen auch noch nicht so niedrig wie heute. Fast alle Riester-Renten, Basisrenten und Betriebsrenten basieren auf Versicherungsprodukten, die überwiegend in Zinspapiere investieren. Fondslösungen, die stärker in Aktien investieren, wurden offenbar von den Sparern kaum gewünscht und/oder von der Finanzindustrie kaum vermittelt.

30 Prozent sorgen nicht zusätzlich vor

Medien zufolge enthält der Alterssicherungsbericht folgende Zahlen: Rund 30 Prozent der Befragten über alle Einkommensklassen hinweg gaben, über keine zusätzliche Altersvorsorge zu verfügen. Bei den Geringverdienern mit einem Bruttolohn von weniger als 1.500 Euro pro Monat seien es knapp 47 Prozent. Das seien 1,9 Millionen der knapp 4,2 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in dieser Niedriglohngruppe. Fast drei Viertel seien Frauen.

Insgesamt würden 70,4 Prozent über eine zusätzliche Vorsorge verfügen, 33,8 Prozent über einen Riester-Vertrag, 20,4 Prozent sowohl über eine Riester-Police als auch über eine betriebliche Vorsorge. Das Nettoeinkommen von Ehepaaren über 65 habe 2015 im Schnitt 2543 Euro betragen, bei alleinstehenden Männern sei es 1614 gewesen, bei Frauen 1420. Knapp die Hälfte aller Senioren habe zusätzliche Einkünfte: vor allem Zinsen, aber auch Mieten, Pacht und Erwerbseinkommen.

Rentenniveau sinkt planmäßig

In Zukunft bleibe die gesetzliche Rente hinter den Löhnen zurück. Dies zeige sich im fallenden Rentenniveau. Bis 2035 sinke es nach Berechnungen des Sozialministeriums von heute 47,8 Prozent auf unter 43 Prozent - bis 2045 solle es auf 41,6 Prozent sinken, wenn nicht gegengesteuert werde. Medien zufolge rief SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann zu einer Einigung in der Koalition über das künftige Rentenniveau auf. „Gerade bei der Rente darf man nicht mehr versprechen, als man leisten kann, soll Oppermann dem Berliner „Tagesspiegel“ gesagt haben. Es sei optimistisch, dass sich die große Koalition aus SPD und CDU/CSU über das Rentenniveau verständige.

Rentenreform gefordert

Vertreter der Partei Die Linke halten es den Berichten zufolge für „zynisch“, wenn die Regierung Geringverdienern empfiehlt, privat vorzusorgen. Viele würden gerne, hätten aber nicht genug Einkommen dafür. Laut Deutschlandfunk sagte Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping im ZDF: Statt auf private Vorsorge zu setzen, seien Investitionen in die gesetzliche Rentenversicherung nötig. Kipping plädiere für einen Anhebung des Rentenniveaus und eine solidarische Mindestrente. Auch DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach hat Medien zufolge gesagt, Geringverdiener könnten Rentenlücken nicht über private Altersvorsorge ausgleichen.

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