KVpro: Niedrigzinspolitik lässt PKV-Beiträge steigen

Berater Top News von Michael Fiedler

Im Januar 2017 ist mit Beitragsanpassungen (BAP) in der Privaten Krankenversicherung (PKV) zu rechnen. Gerd Güssler, Geschäftsführer des Analysehauses KVpro, hält die politisch gewollte Niedrigzinspolitik für den wesentlichen Beitragstreiber.

Gerd Güssler

Die Nullzinspolitik ist Beitragstreiber in der PKV, meint Gerd Güssler. Bild: KVpro

Kurz vor der Bundestagswahl könnten Gegner der Privaten Krankenversicherung anstehende Beitragsanpassungen nutzen, um „gegen das grundsätzlich funktionierende System PKV“ Stimmung zu machen, befürchtet Güssler.

Aus Sicht von Güssler ist die politisch gewollte Nullzinspolitik wesentlicher Verursacher der Beitragserhöhungen zum Januar 2017, weshalb auch von einer untypischen BAP gesprochen wird. Das politisch gewollte Fehlen von Zinsen habe die PKV jedoch nicht zu verantworten. Laut KVpro sind die Beitragsanpassungen wegen Anspringen der sogenannten auslösenden Faktoren aus Leistung und Sterbetafel bei weitem nicht so hoch, wie die Beitragserhöhungen aus fehlenden Zinsen. Güssler erwartet, dass der kalkulatorische Rechnungszins künftig nach Auslaufen der langfristigen Kapitalanlagen bei allen PKV-Unternehmen unter 3,5% gesenkt werden muss. Schlicht, weil dieser Zinssatz unter den derzeitigen Marktbedingungen nicht mehr erreichbar ist. In der Folge steigt der Tarifbeitrag. Er darf aber erst dann abgesenkt werden, wenn auch die BAP-auslösenden Faktoren aus Leistung und Sterbetafel mit einer Abweichung von 5% zur Kalkulation anspringen.

In der Beitragskalkulation darf der Rechnungszins (ReZi) 3,5 % nicht übersteigen. Versicherer, die mehr als 3,5% einpreisen würden, könnten damit im Wettbewerb einen günstigeren Tarifbeitrag erreichen. Ein niedrigerer ReZi ergibt einen höheren Tarifbeitrag. In der Vergangenheit haben die PKV-Versicherer über Jahrzehnte hinweg mehr als 3,5% Zinsen einnehmen können – und zwar aus ihren gesamten Kapitaleinlagen. Diese Zinseinkünfte nennt man Nettoverzinsung (NetZi). Die Differenz aus Netto- und Rechnungszins wird Überzins genannt. Dieser Zins steht gesetzlich festgeschrieben zu 90% dem versicherten Kollektiv zu – und wirkt somit beitragsstabilisierend. Neu (und deshalb „untypisch“) sei, dass der Überzins langsam ausfällt und der kalkulierte Rechnungszins auch nicht mehr erreicht werden kann, so Güssler. Die beitragssenkende Wirkung von Überzins und Rechnungszins geht verloren und die Beiträge steigen.

GKV-Beitragserhöhungen nicht verschweigen 

In der Diskussion um steigende Beiträge in der PKV dürften auch die Beitragserhöhungen in der gesetzlichen Krankenversicherung nicht verschwiegen werden. Güssler rechnet damit, dass die GKV in 2017 den Beitrag um 5,3% erhöhen und der individuelle Zusatzbeitrag den GKV-Beitrag weiter beeinflussen wird. Hinzu kommt, dass die Leistungen der GKV - im Gegensatz zur PKV - nicht garantiert sind.

Gleichzeitig warnt Güssler vor Panik und Aktionismus. Wer jetzt seinen Qualitätstarif kündige, würde seine in der Tarifvergangenheit erstandenen Rechte verlieren. Und ein geringerer Tarifbetrag würde sich spätestens im Ruhestand rächen.
Wer als „Worstcase-Szenario“ 25% auf seinen PKV-Beitrag (nur Vollversicherung = ambulant, stationär und Zahn) aufrechnet und den Zahlbeitrag mit dem vergleicht, was in eine GKV zu zahlen wäre (in Euro bitte) hat Fakten und kann - soweit es angeraten erscheint - seine Handlungsoptionen nutzen, rät Gerd Güssler. Nicht zu vergessen sei dabei, dass sich auch die GKV-Beiträge allein schon auf Grund der demographischen Entwicklung weiter erhöhen werden. Hier gelte immer noch der Grundsatz: Sparen ohne Zins – wie es die PKV macht - ist am Ende in Euro immer noch mehr, als keine Rücklagen zu haben.

Nach Ansicht des KVpro-Chefs könnte noch mehr Transparenz erreicht werden, wenn der Rechnungszins je Tarifkohorte offengelegt werden würde. „Windigen, kollektivzerstörenden Umdeckern“ im Markt könnte so der Wind aus den Segeln genommen werden. Zudem spricht sich Güssler dafür aus, dass die PKV den ReZi im Nullzinsumfeld schneller senken darf, nicht erst beim Anspringen der BAP auslösenden Faktoren. Denn der nach einer Absenkung ggf. neu entstehende Überzins steht zu 90 % dem Kollektiv zu.

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