Mittelstand hegt zu hohe Renditeerwartungen

Berater von Stefan Terliesner

Studie: Mittelständler überschätzen die mögliche Anlagerendite und unterschätzen ihre Pensionsverpflichtungen. Jedes vierte Unternehmen ist nicht ausreichend finanziert.

Zinstief kommt verzögert in der Bilanz an

Unternehmer überschätzen die Renditen - das kann fatale Folgen haben. Fotolia / Eisenhans

Dem deutschen Mittelstand geht es offenbar gut. Rund 57 Prozent der Unternehmen haben Geld übrig und würden es gerne am Kapitalmarkt anlegen. Im Durchschnitt investieren sie 4,7 Millionen Euro. Das ist zwar weniger als im Vorjahr (5,9 Millionen Euro), aber immer noch ein hohes Niveau. Im Jahr 2009, also nach Ausbruch der Finanzkrise, betrug der Anlagebedarf 100.000 Euro. Dies geht aus der aktuellen Studie der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Zusammenarbeit mit der Commerzbank hervor.

Verzerrte Wahrnehmung

Etwas überrascht stellen die Studienautoren fest, dass die Renditeerwartung der Mittelständler trotz des Null- und Negativzinsphase sogar um einen halben Prozentpunkt auf fast 3 Prozent gestiegen ist. Womöglich nehmen die Befragten implizit eine Erhöhung des Zinsniveaus voraus, mutmaßen die Wissenschaftler. Eine weitere Erklärung könne sein, dass die Mittelständler nicht den Marktzinssatz, sondern die langfristige Gewinnerwartungen an das eigene Unternehmen als Orientierungspunkt nehmen. „Da im letzten Jahr die Unternehmensgewinne zum Teil deutlich gesteigert werden konnten, führte dies zu höheren Unternehmensrenditen und damit auch zu gesteigerten Zins- und Renditeerwartungen insgesamt“, heißt es in der Studie.

In der Studie hätten 50 Prozent der Befragten angegeben, über keine Pensionsverpflichtungen zu verfügen. Insofern stehe die Hälfte der Befragten vor der Herausforderung, regelmäßig und in hinreichender Höhe ihre Pensionsverpflichtungen zu speisen. Dies werde zukünftig viele mittelständische Unternehmen vor Herausforderungen stellen, da die bis heute gebildeten Rückstellungen nicht ausreichten, um die künftigen Verpflichtungen zu erfüllen. Die Studienautoren gehen davon aus, dass der Rechnungszins für Pensionsrückstellungen in den nächsten fünf Jahren von rund 4 Prozent auf dann 2 Prozent sinkt – entsprechend mehr Kapital müssten die Unternehmen selber zur Deckung ihrer Versprechen zurücklegen.

Zinstief kommt verzögert in der Bilanz an

Über die Folgen der deutlich fallenden Rechnungszinskurve seien sich viele Mittelständler nicht klar. Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 5 und 50 Millionen Euro bilanzieren ihre Pensionsrückstellungen in der Regel gemäß der zehnjährigen Durchschnittsbildung nach Handelsgesetzbuch (HGB). Das Zinstief kommt also erst nach und nach in der Bilanz der Unternehmen an.

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