Allianz kritisiert Komplexität von Solvency II

Versicherungen von Stefan Terliesner

Solvency II: Versicherer und Aufsicht zeigen sich uneins über die Folgen des Regelwerks. Die Umsetzung verursache hohe Kosten. Erste Ergebnisse des laufenden Stresstest werden am 8. Juli erwartet.

Dieter Wemmer, Finanzvorstand der Allianz

Dieter Wemmer, Finanzvorstand der Allianz Bild: Allianz

Im Prinzip ist der neue Aufsichtsstandard Solvency II eine gute Sache, aber auch hochkomplex, nicht zuletzt durch die vielen nationalen Besonderheiten – so ist laut Börsen-Zeitung der Tenor von Dieter Wemmer, Finanzvorstand der Allianz, bei einem Vortrag des International Center of Insurance Regulation an der Frankfurter Goethe-Universität. Wie dem Bericht von heute weiter zu entnehmen ist, war Kritik angesichts des Mottos der Veranstaltung zu erwarten: „A Critical Perspective on the Solvency II Implementation“, also ein prüfender Blick auf die Umsetzung des Regelwerks.

Unterschiedliche Standards

Wemmer habe betont, dass sich seine Kritik nicht auf „dramatische Punkte“ bezieht. „Das stört unser Unternehmen nicht im Ablauf, macht die Dinge aber schwerer“, sagte er laut Börsen-Zeitung auf der Veranstaltung. Demnach bezifferte er die Projektkosten für die Einführung des neuen Regelwerks für die Allianz auf „mehrere hundert Millionen Euro“. Dem Bericht nach stört sich der Allianz-Vorstand an der Diskrepanz zwischen dem Anfang 2016 eingeführten Aufsichtsregime auf der einen und den nationalen Rechnungslegungsstandards wie dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) auf der anderen Seite. Anhand eines Beispiels habe er gezeigt, dass ein Versicherer nach HGB illiquide sein kann, nach Solvency II durch die sofortige Marktbewertung von Aktiva und Passiva aber keinerlei Gefahr besteht.

Darauf habe Frank Grund, Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht bei der BaFin, auf der gleichen Veranstaltung geantwortet: „Zwei Armbanduhren zeigen zwei Zeitzonen an“ – und führten damit eben nicht zur Verwirrung. Denn das HGB solle die Gläubiger schützen und diene als Grundlage der Besteuerung, während Solvency II ökonomische Tatbestände messe. Im Übrigen gebe es Alternativen bei der Einstufung von Assets. Schließlich könne im Gespräch mit der Aufsicht darauf hingewiesen werden, dass eine Zahlungsunfähigkeit noch „weit weg“ sei, gibt die Börsen-Zeitung die Aussagen von Grund wider. Grundsätzlich sei Solvency II „ein Kompromiss, das heißt nicht perfekt“, soll der Aufseher zudem gesagt haben.

Nullgewichtung ein Politikum

Ein weiterer Kritikpunkt Wemmers war dem Bericht zufolge die Behandlung von Euro-Staatsanleihen unter Solvency II. Im Standardmodell des Regelwerks ist keine Unterlegung mit Eigenkapital vorgesehen, während bei internen Modellen in Deutschland nur die Staatsanleihen von Ländern mit höchster Bonität eine Nullgewichtung hätten. In anderen Ländern werde diese Differenzierung nicht gemacht, soll Wemmer gesagt haben. Grund habe anschließend darauf hingewiesen, dass die Behandlung von Euro-Staatsanleihen eine rein politische Entscheidung sei. Grund habe eingeräumt: „In der Säule 2 von Solvency II verlangen wir in der qualitativen Berichterstattung von jedem Unternehmen eine Beurteilung, ob die Anlagen risikofrei sind oder nicht.“ Dies wäre ausschließlich bei Staatsanleihen aus Peripherieländern nicht mit dem Prudent-Man-Prinzip, dem Grundsatz der unternehmerischen Vorsicht, vereinbar. „Das würden wir beanstanden.“

Grund habe aber auch betont, dass Unternehmen, die ein internes Modell anwenden, nicht einfach mit Unternehmen mit Standardmodell verglichen werden könnten. Dies sei auch ein Problem bei den Übergangsbestimmungen (Transitionals), die einige Versicherer anwendeten. „Der Markt erwartet eine gewisse Vergleichbarkeit. Trotzdem warne ich davor, Äpfel und Birnen miteinander zu vergleichen“, sagte der Aufseher laut Börsen-Zeitung. Und weiter: Die Vergleichbarkeit von Solvabilitätskennziffern sei „nicht höchste Priorität“ der BaFin.

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