Herr Grünewald, sind Robo-Advisor nicht die bessere Wahl?

Investmentfonds von Matthias Hundt

procontra: Sind „Robo-Advisor“ nicht die bessere Wahl? Es wird doch immer betont, man solle rational investieren.

Grünewald: Der Faktor Mensch gilt in vielen Branchen in der Tat als gefährlicher Unsicherheitsfaktor. Etwa beim „Autonomen Fahren“. Ein selbst fahrendes Auto trifft auch unter größtem Druck zuverlässig rationale Entscheidungen, ohne sich von Emotionen beeinflussen oder ablenken zu lassen. Diese sture Rationalität ist im Investmentbereich allerdings nicht immer der beste Ratgeber. Wie gut diese Algorithmen bei Strukturbrüchen, komplexen Anforderungen und in turbulenten Marktphasen funktionieren, bleibt zum Beispiel abzuwarten. Finanzmärkte halten sich nicht an Vorgaben mathematischer Modelle – Emotionen, Motivationen und Herdentrieb sind Schlagworte, die es zu berücksichtigen gilt. Finanzmärkte sind soziale Systeme und somit interaktiv und reflexiv. Die größte Schwachstelle digitaler Lösungen sehe ich in der mangelhaften Beratungsleistung. Im Vorfeld der Vermögensverwaltung bedarf es mehrerer, oftmals sehr ausführlicher Gespräche zwischen Mandant und Vermögensverwalter. Fehleinschätzungen bezüglich Anlageziele und Risikobereitschaft können dort korrigiert werden.

Zudem wird der Mandant umfassend über die Risiken und die entstehenden Kosten aufgeklärt, bevor alle wesentlichen Faktoren inklusive der individuellen Anlagerichtlinien schriftlich fixiert und dokumentiert werden. Die ausführliche Erstberatung ist somit ein sehr komplexer und individueller Vorgang, den die digitalisierte Vermögensverwaltung nicht vergleichbar leisten kann. Analog zur Medizin braucht es eine umfassende Anamnese, treffsichere Diagnose und anschließend eine sachgerechte „Behandlung“ – und das im persönlichen Austausch.

procontra: Vermögensverwalter werden also nicht durch FinTechs ersetzt?

Grünewald: Nein. Ich bin überzeugt, dass der Bedarf nach kompetenter und individueller Betreuung in Fragen der Geldanlage auch langfristig bestehen wird, denn leider ist nicht mit einer kurzfristigen Verbesserung des ökonomischen Bildungsniveaus zu rechnen. Gleichzeitig werden Finanzmärkte und –produkte stetig komplexer. Ich gehe daher davon aus, dass die Nachfrage nach unabhängiger Vermögensverwaltung auf Honorarbasis in den kommenden Jahren sogar steigen wird.

procontra: Wie können sich Vermögensverwalter darauf vorbereiten?

Grünewald: Entscheidend wird sein, wie viel Energie die Unternehmen in den Ausbau und Erhalt ihrer Kundenbeziehungen investieren. Die persönliche Betreuung der Kunden wird ein wertvolles Unterscheidungsmerkmal bleiben, das uns von den rein digitalen Angeboten abgrenzt. Allenfalls in Bereichen, in denen das Vertrauen zwischen Ansprechpartner und Kunde ohnehin keine zentrale Rolle spielt, können sich FinTech-Unternehmen zu einer ernstzunehmenden Alternative entwickeln.

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