Zinszusatzreserve gefährdet auch gesunde Unternehmen

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DAV-Vorstand Dr. Wilhelm Schneemeier über die gute Ertragslage der Versicherer, den gewaltigen Auswirkungen der Zinszusatzreserve und warum Solvency II nicht missverstanden werden darf.

Foto: DAV_Vorstandsvorsitzender Dr. Wilhelm Schneemeier

DAV: Vor wenigen Monaten sind Sie für zwei Jahre an die Spitze der Deutschen Aktuarvereinigung e. V. (DAV), in der derzeit knapp 4.500 Aktuare organisiert sind, gewählt worden. Vor welchen Aufgaben und Herausforderungen sehen Sie die DAV in diesen beiden Jahren und welche Schwerpunkte wollen Sie persönlich bei Ihrer Arbeit setzen?

Dr. Wilhelm Schneemeier: Eine der drängendsten Herausforderungen für den Berufsstand wird auch in den nächsten Jahren die anhaltende Niedrigzinsphase sein. Gerade uns Aktuaren muss es ein besonderes Anliegen sein, ausreichend sicher zu bewerten, gleichzeitig aber auch den politischen Entscheidungsträgern die langfristigen Auswirkungen dieser Bewertung auf Kapitalanlagen und Kundenversprechen transparent zu machen.

Diesbezüglich werden wir unseren Sachverstand noch stärker in die Diskussion einbringen. Darüber hinaus werden wir unsere Aktuarausbildung bis zum Jahr 2018 einer grundlegenden Revision unterziehen, um den veränderten Bedingungen am Finanzmarkt vollumfänglich Rechnung zu tragen. Wir wollen unsere Mitglieder bestmöglich auf die neuen nationalen Anforderungen, aber auch für die weiter voranschreitende Internationalisierung der Finanz- und Versicherungsbranche vorbereiten, um sie dadurch in den Augen der Arbeitgeber für die neuen Funktionen zu qualifizieren. Und dann gibt es natürlich noch den Start von Solvency II ab 2016, die Weiterbildung unserer Aktuare sowie viele Herausforderungen in allen Sparten – es wird sicher keine Langeweile aufkommen.

Versicherer weisen eine gute Ertragslage auf

DAV: Als Folge der Finanzkrise müssen die deutschen Lebensversicherer ihr Geschäft in einem extremen Niedrigzinsumfeld tätigen. Wie hart trifft das Zinstief die Gesellschaften?

Dr. Schneemeier:
Die Versicherer weisen im Verhältnis zum aktuellen Kapitalmarkt eine gute Ertragslage auf, da viele noch relativ langlaufende und damit höher verzinste Anlagen in den Portfolios haben. Deshalb gehe ich davon aus, dass sie ihre zugesagten Garantien auch über die vorgesehene Zeitstrecke bedienen können. Auch Solvency II wird hier eine konsolidierende Wirkung haben – sowohl im Bestand als auch für das Neugeschäft. Allerdings setzt das Zinstief manche Unternehmen unter Druck, weil sie ihre Garantien aufgrund der Bewertungsvorschriften bereits in den nächsten Jahren in Form der Zinszusatzreserve vorfinanzieren müssen.

Es wird Unternehmen geben, die die Zinszusatzreserve nicht stemmen können


DAV: Nach Ansicht der DAV besteht die Gefahr, dass die Unternehmen beim derzeitigen Zinsniveau mit dem Aufbau der Zinszusatzreserve überfordert werden. Die DAV hat sich daher an die BaFin gewandt. Was sind hier Ihre Ziele und wieweit sind die Gespräche gediehen?

Dr. Schneemeier: Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass ein gleichmäßiger Aufbau der Zinszusatzreserve aus aktuarieller Sicht absolut notwendig ist, um die Lebensversicherung in diesen schwierigen Zeiten zu stärken. Angesichts des unerwarteten Tempos des Zinsverfalls muss allerdings noch einmal über die Geschwindigkeit des Aufbaus nachgedacht werden. Dazu befinden wir uns in Gesprächen mit der BaFin. Wir müssen aber auch den politischen Entscheidungsträgern die Probleme noch stärker verdeutlichen.
So wird es einerseits Unternehmen geben, die die Zinszusatzreserve nicht stemmen können. Andererseits verursachen auch die Gesellschaften Probleme, die die Zinszusatzreserve erbringen können. Denn aufgrund der einseitigen Anforderungen an die Passivseite werden Versicherer gezwungen sein, in riesigen Dimensionen Kapitalanlagen umzuschichten, obwohl im Extremfall eine perfekte Bedeckung der Garantien vorliegen kann. Das hat gewaltige Auswirkungen auf den Kapitalmarkt insgesamt. Da haben wir Nachbesserungsbedarf.

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