„Der Patient sollte nicht an der Medizin erkranken“

Versicherungen von Stefan Terliesner


„Auflösung von Bewertungsreserven ist problematisch“ 
procontra: Zumindest an dieser Stelle hilft das EZB-Wertpapierankaufprogramm. Es treibt die Kurse und damit die stillen Bewertungsreserven in die Höhe. 

Will: Durch die Käufe gehen die Kurse konservativer Anlagen hoch. Auf Dauer ist die Auflösung von Bewertungsreserven aber problematisch. Verkauft werden oft die begehrten, relativ hoch verzinsten Papiere. Das zerrt an den künftigen Erträgen und an der Substanz. Versicherer dürften damit nicht primär zu den Verkäufern von Staatsanleihen gehören. 

procontra: Ist das System Lebensversicherung nicht auch in Schieflage, weil durch die Pflicht zur Bildung einer Zinszusatzreserve die Erfüllung von Garantien der Bildung von Überschüssen, die Kunden später mal zugutekommen könnten, vorgezogen wird? Am Ende bekommen Kunden mit niedrigem Garantiezins im Vertrag gar keine Überschüsse mehr. 

Will: In gewissem Maße trifft das zu. Wenn das Extremzinstief noch lange anhalten sollte, könnten die Erträge irgendwann nur noch zur Absicherung der Garantien reichen. So ist das Modell. Ansonsten droht ein Konflikt mit dem Aufsichtsrecht. 

procontra: Kunden mit niedrigerem Garantiezins ärgert vermutlich auch, dass die Versicherer die Zinszusatzreserve aus Kapitalerträgen bilden dürfen, die zu 90 Prozent den Kunden zustehen. Ist das fair? 

Will: Alle Kunden sind Teil eines kollektiven Spar- und Risikoprozesses. Alle sparen in denselben Topf, aus dem Erträge erzielt werden. Probleme gibt es, wenn die Überschüsse nicht mehr ausreichen. In der Situation sind wir derzeit. Immerhin hat die Branche erfolgreich gegen die hälftige Ausschüttung von Bewertungsreserven auf festverzinslichen Anlagen an Kunden mit ablaufendem Vertrag gekämpft. Dann wäre das System völlig in Schieflage geraten. Von dieser Regelung profitieren auch Versicherte, die neu ins Kollektiv kommen. 

procontra: Das ist ein schwacher Trost für so manchen Bestandskunden. 

Will: Vergessen sollte man nicht, dass das Geld für die Zinszusatzreserve in die Deckungsrückstellungen fließt. Hier ist das Geld der Kunden am sichersten – selbst im Konkursfall. Deckungsrückstellungen sind Vermögen, das ausschließlich dem Kunden individuell gewidmet ist. Dagegen sind zum Beispiel der Schlussgewinnanteil und die Rückstellung für Beitragsrückerstattung veränderlich. Daher ist es so wichtig, den Aufbau der Deckungsrückstellungen zu forcieren. 

procontra: Klingt dramatisch. 

Will: Dass die Versicherer eine Zinszusatzreserve aufbauen sollten, ist unbestritten. Die Frage ist, wie schnell dies geschieht. Der Patient sollte nicht an der Medizin erkranken. 

procontra: Der Gesetzgeber hat der Branche gerade einen Wunsch erfüllt und die Anlageverordnung um Investitionen in Infrastruktur erweitert. Das ist doch schon mal hilfreich, oder? 

Will: Es nutzt wenig, wenn Versicherer in Infrastruktur investieren dürfen, wenn sie gleichzeitig für diese Investitionen bis zu 50 Prozent Sicherheitsmittel unterlegen müssen. Das frisst sofort Rendite auf. Man muss auch die Kapitalanforderungen für die Vermögensklassen der jetzigen Situation anpassen. 

procontra: Was bedeutet all das für Makler? 

Will: Auf der einen Seite sollten sie verstärkt auf die Qualität ihrer Produktgeber achten. Wichtige Kriterien sind zum Beispiel Finanzstärke, Erfolg in der Kapitalanlage und Kosten, aber auch, welche Garantiezinsbelastung ein Versicherer in seinem Bestand hat. Auf der anderen Seite wird sich der Markt im Hinblick auf das Produktangebot weiter verändern. Daraus ergeben sich Chancen in der Beratung. 

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