„Der Patient sollte nicht an der Medizin erkranken“

Versicherungen von Stefan Terliesner


„Reserve addiert sich auf über 20 Milliarden Euro“ 
procontra: Über welche Beträge reden wir? 

Will: In unserer Berechnung zum Ultimo addierte sich die 2011 eingeführte Zinszusatzreserve auf über 20 Milliarden Euro. Jedes Jahr ist ein höherer Betrag hinzugekommen. 2014 allein acht Milliarden. 

procontra: Was erwarten Sie für 2015? 

Will: Weitere zehn Milliarden Euro sind realistisch. 

procontra: Wie kommen Sie darauf? 

Will: Wir haben zunächst den Referenzzins zur Ermittlung der Höhe der Nachreservierungspflicht simuliert und dann auf die verschiedenen Höchstrechnungszinsgenerationen – alternativ könnte man Garantiezinsgenerationen sagen – in den Beständen der Versicherer angewendet. So sind wir per 31. Dezember 2015 auf neun Milliarden Euro zusätzliche Zinszusatzreserve gekommen. Dabei geht die Berechnung davon aus, dass sich die Kapitalmarktzinsen auf dem Niveau vom 31. Dezember 2014 konstant halten. Seit Jahresbeginn ist das Zinsniveau aber nochmals kräftig gefallen und eine Trendwende ist nicht erkennbar, so dass mittlerweile auch zehn Milliarden Euro realistisch erscheinen. 

procontra: Der Referenzzins für 2015 müsste dann ebenfalls nach unten angepasst werden. 

Will: Ja. In unserer Simulation liegt er Ende 2015 bei 2,97 Prozent. Mittlerweile dürfte er nochmals um zehn Basispunkte gefallen sein. Damit müssten die Versicherer für eine weitere Höchstrechnungszinsgeneration Rückstellungen bilden, also nach den Garantiezinsniveaus von 4,0-, 3,5-, 3,25- jetzt auch für 3,0-Prozent. Bei der 3,0-Prozent-Generation ist der Aufwand aber nicht so hoch, da die Verträge aus der Zeit vor Mitte der 1980er-Jahre stammen – davon gibt es nicht mehr so viele. 

procontra: Die Zinszusatzreserve zwingt Versicherer lediglich dazu, schneller Rückstellungen zur Absicherung der Garantien zu geben, als sie es sonst vermutlich getan hätten. Das klingt harmlos. 

Will: Die Zinszusatzreserve wird pro Einzelvertrag gebildet, indem man für die Dauer von 15 Jahren einen anderen, niedrigeren Zins an die Stelle des betroffenen Höchstrechnungszinses setzt. Ein niedriger Zins zum Aufzinsen der Sparbeiträge führt bei unveränderten Garantien zu einer höheren Rückstellung auf der Passivseite der Bilanz eines Versicherers. Dies ist sofort eine wirtschaftliche Belas­tung. Gleichzeitig erzielen die Anbieter wegen des Zinstiefs am Kapitalmarkt in der Neuanlage weniger Erträge. Mit dem Auslaufen älterer, relativ hoch verzinster Anlagen verschärft sich die Lage. 

procontra: Bereits jetzt reichen bei einigen Versicherern die laufenden Kapitalerträge nicht mehr aus, um die Zinszusatzreserve bedienen zu können. In welchem Umfang lösen sie Bewertungsreserven auf, um der Pflicht nachzukommen? 

Will: Wir gehen davon aus, dass marktweit mehr als die Hälfte der Zinszusatzreserve aus dieser Quelle stammt. 

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