„Der Hunger treibt’s rein“

Investment-Talk von Annika Janßen

Alle reden von Aktien – aber auch mit Anleihen ist trotz niedriger Zinsen noch etwas zu holen, sagt Harald Preißler, Chefvolkswirt des Anleihemanagers Bantleon. Die Kursdynamik sei ungebrochen.

procontra: Die Kurse an den Aktienmärkten steigen und steigen. Zudem hört man von Börsenexperten seit Monaten das Mantra: Wenn Anleger im aktuellen Niedrigzinsumfeld und in Zeiten ultralockerer Geldpolitik noch Gewinne erzielen wollen, müssen sie Aktien kaufen. Warum sollten Anleger ihr Geld also überhaupt noch in Anleihen stecken, die zum Teil mit Negativrenditen aufwarten?

Harald Preißler: Sicherlich nicht wegen der attraktiven Verzinsung. Aber Anleihen haben ja zwei Ertragskomponenten: Zum einen ist das ihr Kupon, also die Nominalverzinsung einer Anleihe. Da ist derzeit tatsächlich nichts zu holen, zumindest nicht bei Staatsanleihen, die teilweise negative Renditen haben. Zum anderen gibt es bei Anleihen aber auch noch den Kurs als Ertragskomponente. Und die Aussicht auf steigende Kurse macht den Bondmarkt nach wie vor interessant. Dass eine negative Rendite noch lange nicht schädlich sein muss, hat man zuletzt zum Beispiel bei Schweizer Bundesobligationen gesehen. Dort ist die Rendite bis auf minus 1,2 Prozent gesunken, der Kurs ist spiegelbildlich immer weiter gestiegen. An der Kursdynamik von Anleihen hat sich somit nichts geändert.

procontra: So wie an den Aktienbörsen treibt auch am Anleihemarkt eine hohe Nachfrage die Kurse nach oben. Was sorgt denn für das mehr oder weniger ungebrochene Anlegerinteresse?

Preißler: Nach wie vor gibt es auf geopolitischer Ebene einige ungelöste Probleme. Da ist zum einen der Ukraine-Konflikt, der noch längst nicht ausgestanden ist. Ein Sanktionskrieg mit Russland scheint nicht ausgeschlossen. Darunter leidet die Planungssicherheit von Unternehmen, die Investitionen verschieben. Auch die Griechenland-Krise ist noch nicht vom Tisch, die Debatte über einen möglichen Austritt aus der Eurozone noch nicht abgeschlossen. In Krisenzeiten wollen Investoren sich in sichere Häfen flüchten. Da ist die Rendite im Zweifel egal, es zählt nur die Liquidität einer Anlage. Staatsanleihen bieten einen solchen sicheren Hafen, sie sind überaus liquide. Zudem will schlicht nicht jeder Anleger das Risiko starker Kursschwankungen bei Aktien eingehen.

procontra: Seit die Kupons von Staatsanleihen immer weiter abwärts tendieren, rücken Hochzinsanleihen stärker in den Vordergrund. Ist das gerechtfertigt – oder sehen Anbieter von Hochzinsanleihefonds jetzt ihre Zeit gekommen und machen sich den Renditehunger der Investoren zunutze?

Preißler: Beides stimmt. Anleger gehen beim Kauf von Hochzinsanleihen höhere Risiken ein als wenn sie Staatsanleihen erwerben. Sie sind zwar hoch verzinst, stammen aber von Unternehmen mit niedriger Bonität, also hoher möglicher Ausfallraten. In Franken gibt es das schöne Sprichwort: „Der Hunger treibt’s rein“. Genau das ist am Hochzinsanleihemarkt der Fall. Investoren gehen immer höhere Wagnisse auf der Suche nach Rendite ein. Im aktuellen Konjunkturumfeld ist die hohe Nachfrage allerdings gerechtfertigt. Viele Unternehmen sind in sehr guter finanzieller Verfassung, der wirtschaftliche Ausblick für das Jahr 2015 ist ebenfalls gut. Das hält die Ausfallrate von Hochzinsanleihen niedrig. Ob es wirtschaftlich weiter so gut läuft, weiß allerdings niemand. Sollte sich die Konjunktur im nächsten Jahr wieder deutlich abkühlen, kann sich die gute Entwicklung der Papiere schnell wieder umkehren. Das große Problem ist dann, dass es im Falle schlechter Nachrichten wegen der geringen Liquidität in diesen Märkten nur unter Inkaufnahme hoher Verluste möglich sein wird, sich von diesen Positionen zu trennen. Das müssen Anleger wissen.

Foto: Harald Preißler, Bantleon

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