„Unterlagenflut durch Solvency II“

Versicherungen von Christian Hilmes

Die europaweiten Vorschriften für Versicherer gemäß Solvency II befinden sich auf der parlamentarischen Zielgerade. Was sich dadurch ab 2016 auch für kleinere Assekuranzen ändert, fragte procontra Monika Köstlin, Vorstandsmitglied der Kieler Rück.

Die EU-Kommission hat jetzt die „Delegierten Rechtsakte“ zu Solvency II an Parlament und Ministerrat übermittelt. Und in Deutschland wird an der nationalen Umsetzung im Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) gearbeitet. Die neuen Standards für Stabilität und Eigenmittelausstattung bewegt die gesamte Versicherungsbranche, berichtet Monika Köstlin (Foto) im procontra-Interview. Das Vorstandsmitglied beim Kieler Rückversicherungsverein auf Gegenseitigkeit ist auch geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Verbandes der Versicherungsvereine a.G., wo sie sich insbesondere mit Solvency II beschäftigt.

procontra: Wie wirkt sich die nationale Umsetzung von Solvency II im VAG auf die Arbeit Ihres Verbands aus?

Monika Köstlin: In der aktuellen Vorbereitungsphase auf Solvency II sehen wir uns mit einer Unterlagenflut konfrontiert, die in unseren Häusern mit knappen Personalressourcen nicht zu bewältigen ist. Wir können kein zusätzliches Personal dafür einstellen, da wir dadurch unsere Kostenstruktur gefährden würden. Man kann sich also vorstellen, was das für uns bedeutet.

procontra: Halten Sie die neuen regulatorischen Anforderungen hinsichtlich der finanziellen Stabilität also für übertrieben?

Köstlin: Wir sträuben uns nicht generell gegen die Regeln, die in ihrem Kern sicher Sinn machen. Wir wollen jedoch verhindern, dass stabile Versicherungsunternehmen durch die Anforderungen Gefahr laufen, ihr bewährtes Geschäftsmodell zu gefährden. Ein wesentlicher Aspekt ist ja auch das Thema Verbraucherschutz, den Solvency II als Hauptziel verfolgt. Beim Kieler Rück mit seinem heute achtköpfigen Team würde jede Neueinstellung für rein administrative Aufgaben zu vergleichsweise stark steigenden Kosten führen, die am Ende auf den Kunden umgelegt werden müssten.

procontra: Welche Forderung leiten Sie daraus für die zukünftige Regulierungspraxis im Versicherungsmarkt ab?

Köstlin: Das in der Solvency-II-Richtlinie verankerte Proportionalitätsprinzip sollte in der Vorbereitungsphase bis 2016 konkret ausgestaltet werden. Es besagt, dass starre Regeln nicht wie mit einer Gießkanne über alle Gesellschaften gegossen werden sollen. Ein konkretes Beispiel sind die Quartalsberichte, die für unsere Häuser einen enormen Aufwand bedeuten und denen aus unserer Sicht kein adäquater Nutzen gegenübersteht. Betrachtet man zum Beispiel Hagelversicherer, so würden hier die ersten beiden Quartalsberichte nicht aussagekräftig sein, da Hagelereignisse primär in den Sommermonaten zu erwarten sind. Auch müssen die vorgesehenen Erleichterungen für kleine Versicherer mit einem Beitragsvolumen von weniger als 5 Millionen Euro mit Leben gefüllt werden.

procontra: Zweifeln Sie daran, dass diese Ausnahme bestehen bleibt?

Köstlin: Wir müssen davon ausgehen, dass die neuen Vorschriften in der Zukunft teilweise auch auf kleinere Versicherer, die in der Regel unter Landesaufsicht stehen, heruntergebrochen werden. Viele unsere Mitgliedsvereine sind sehr klein und rein ehrenamtlich geführt. Eine Zunahme der Anforderungen würde deren Struktur nachhaltig gefährden.

procontra: Was tun Sie, um solche Differenzierungen für verschiedene Größenklassen und Typen von Versicherern politisch durchzusetzen?

Köstlin: Wir haben im Verband schon seit anderthalb Jahren eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit den Herausforderungen von Solvency II auseinandersetzt und Lösungsansätze hierfür ausarbeitet. Diese diskutieren wir auch mit der BaFin, die einem aktiven Dialog auch aufgeschlossen ist. Leider vermissen wir noch die Konkretheit, die uns ermöglichen würde, die Vorbereitungsphase effizienter zu nutzen. Dazu kommt, dass wir durch die aktuelle VAG-Novelle zusätzliche Verschärfungen befürchten, die über die Solvency-II-Anforderungen hinausgehen.

procontra: Inwiefern sind die Mitgliedsgesellschaften Ihres Verbands von den 2016 greifenden Verschärfungen im VAG betroffen?

Köstlin: Ein Beispiel für eine wesentliche Verschärfung sehen wir in der VAG-Novelle enthaltenen Verpflichtung zur Testierung der Solvabilitätsbilanz durch den Wirtschaftsprüfer. Diese Pflicht würde wiederum mit erheblichen zusätzlichen Kosten einhergehen. In unserem Verband mit 167 Mitgliedern sind bisher 18 Versicherungsvereine von den Solvency-II-Regelungen betroffen.

procontra: Wie hoch dürften für diese 18 Versicherer die zusätzlichen Bürokratiekosten durch Solvency II ausfallen?

Köstlin: Viele Kosten sind bereits entstanden, beispielsweise durch die Anschaffung von EDV-Tools, die bei der Umsetzung der Säulen I und III notwendig sind. Sollte Solvency II außerdem die Aufstockung der Personalkapazitäten erforderlich machen, um beispielsweise eine Person einzustellen, die eine der vier geforderten Governance-Funktionen ausfüllen könnte und entsprechenden Qualifikationsanforderungen unterliegt, würde das bei der Kieler Rück definitiv mit einer Erhöhung der Personalkosten im zweistelligen Prozentbereich zu Buche schlagen. Beim Kieler Rück sahen wir uns zudem bereits gezwungen, ein Rating in Auftrag zu geben, damit unsere Kunden in ihren Kapitalanforderungen keine unverhältnismäßigen Zuschläge in Kauf nehmen müssen. Dieser Rating-Prozess muss jährlich wiederholt werden und verursacht entsprechende Kosten.

Foto: Verband der Versicherungsvereine a. G. e. V.

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