„Eine Diagnose macht noch lange keine BU“

Versicherungen Top News von Matthias Hundt

Löblich, die eigene Arbeitskraft über eine BU abzusichern. Die Rente im Leistungsfall auch bewilligt zu bekommen, ist aber ein anderes Thema. Christine Reitmaier hat sich auf die Durchsetzung von BU-Ansprüchen spezialisiert und beschreibt die Hürden, die Makler und Kunden dafür überwinden müssen.

procontra: Frau Reitmaier, wie kommt man darauf, sich auf die Durchsetzung von BU-Ansprüchen zu spezialisieren? 

Christine Reitmaier: Mein Mann war Versicherungsmakler und vertrieb überwiegend BU- und Krankenversicherungen. Schon damals habe ich mitbekommen, wie schwierig es ist, BU-Leistungen durchzusetzen … 

procontra: … weil die Versicherer sich weigern? 

Reitmaier: Eher, weil die Anforderungen enorm hoch sind. Und ein Versicherungsmakler ist zwar der erste Ansprechpartner für den Kunden im Leistungsfall, aber nicht darauf spezialisiert, BU-Leistungen durchzusetzen. Das bringt ihn auch in eine schwierige Situation, wenn es um den Vertrag geht, den er seinen Kunden vor Jahren guten Gewissens vermittelt hat. 

procontra: Welche Voraussetzungen halten Sie für Ihr Beratungsfeld für zwingend erforderlich? 

Reitmaier: Zum einen braucht es medizinisches Fachwissen. Damit verbunden ausreichend Expertise in der Berufskunde sowie einen tiefen Einblick in die Versicherungsbedingungen der BU-Anbieter. 

procontra: Wie haben sich die BU-Bedingungen aus Ihrer Sicht verändert? 

Reitmaier: Sie sind in jedem Fall verbraucherfreundlicher geworden. Dazu zählen vor allem der Verzicht auf abstrakte und konkrete Verweisung, die Verkürzung des Prognosezeitraums auf sechs Monate sowie die Vereinfachung der Gesundheitsfragen. Hier wird im ambulanten Bereich nur noch fünf Jahre zurückgeblickt, der stationäre variiert je nach Anbieter zwischen fünf und zehn Jahren. 

procontra: Auf Ihrer Website steht: „Wir kämpfen für Sie.“ Wen sprechen Sie damit konkret an und wie kann man sich diesen Kampf vorstellen? 

Reitmaier: Im Endeffekt sehen wir uns auf der Seite der Verbraucher. Es gibt aber auch Makler, die sich Unterstützung holen, wenn sie zusammen mit ihren Kunden Ansprüche durchsetzen wollen. Wir beurteilen dann zunächst, ob die Schwere der Einschränkung wirklich ausreicht, um BU-Leistungen zu bekommen. Diesen Schweregrad überschätzen viele Kunden. Dazu ist der Kunde in der Beweispflicht. Und daran scheitern rund 80 Prozent der BU-Rentenanträge – der Kunde kann es einfach nicht beweisen. Kein Sachbearbeiter eines Versicherers kann eine BU bewilligen, weil der Kunde über Taubheit in den Beinen klagt. Unsere Aufgabe ist es also – vorausgesetzt, die Ansprüche des Kunden sind aus unserer Sicht berechtigt –, den tatsächlichen Beweis zu erbringen. 

procontra: Und die Gegenseite? Gibt es auch Versicherer, die Sie bitten dem Kunden klarzumachen, dass seine Ansprüche unberechtigt sind? 

Reitmaier: Nein. Die Versicherer haben dafür Ihre eigenen Abteilungen. 

procontra: Wann treten Sie in der Regel in Erscheinung? 

Reitmaier: Im Regelfall wendet sich der Kunde an uns, wenn er, sein Makler oder auch seine Krankenkasse der Meinung sind, eine BU-Rente sei aufgrund des Krankheitsbildes berechtigt. Das passiert, bevor er den Versicherer kontaktiert. So verfahren rund 70 Prozent unserer Mandanten. Die restlichen 30 Prozent haben bereits die Ablehnung vom Versicherer erhalten. 

procontra: Ihr Engagement hat in jedem Fall zur Folge, dass die Versicherer mehr zahlen müssen als ohne Ihr Zutun. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Anbietern? 

Reitmaier: Sehr gut. 

procontra: Das überrascht. 

Reitmaier: Nicht besonders. Die Versicherer arbeiten insgesamt äußerst fair, entgegen den medienwirksamen Behauptungen vieler Verbraucherschützer. Sicher gibt es immer Einzelfälle. Aber es geht in erster Linie um die Beweispflicht des Kunden, die er erbringen muss. Da liegt das Problem. Ein bloßes Attest vom Hausarzt reicht da nicht aus, und dann heißt es immer schnell: „Der Versicherer drückt sich um Leistungen.“ 

procontra: Wie oft müssen Sie in Ihrer Arbeit letztlich feststellen, dass die Argumente des Versicherers richtig waren und die Leistung ausbleibt? 

Reitmaier: Meistens kommt der Kunde vorher zu uns. Dann prüfen wir, ob seine Ansprüche überhaupt berechtigt sind. Ein Hauptproblem ist, dass er diese völlig überschätzt. Mitunter ist er eingeschränkt, aber eine Diagnose macht noch lange keine BU. Das reicht dann oft nicht für die 50 Prozent aus und wir müssen dem Kunden klarmachen, dass seine Ansprüche unberechtigt sind. Hier liegen die Gründe also in der Wahrnehmung des eigenen Gesundheitsbildes. Das zweite Problem ist die Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht, weil die Gesundheitsfragen nicht vollständig und korrekt beantwortet wurden. 

procontra: Dieses Problem ist mindestens so alt wie die BU-Versicherung selbst. Das betrifft auch die Maklerschaft, die beim Ausfüllen des Antrags dabei ist. 

Reitmaier: Das stimmt. Dabei könnte man die Sicherheit deutlich erhöhen, wenn man dem Antrag einen Behandlungs- und Medikationsplan der Krankenkasse des Kunden beilegt. Hier sind sämtliche Behandlungen und Diagnosen aufgeführt. Das bringt Makler und Kunden auf die sichere Seite, denn nicht jeder Arztbesuch und nicht jede Diagnose ist dem Kunden beim BU-Antrag sofort gegenwärtig. Makler sollten darauf bestehen und das entsprechend dokumentieren. Aus eigenem Haftungsinteresse, aber auch im Sinne ihrer Kunden. 

procontra: Wenn beim Versicherer nichts zu holen ist, gehen Kunden mit spezialisierten Anwälten oft in die nächste Instanz und wollen den Makler in die Haftung nehmen. Gehen Sie diesen Weg dann auch mit? 

Reitmaier: Nein. Wir schauen nur, ob die Ansprüche gegenüber dem Versicherer berechtigt sind. Ist dies der Fall, so kämpfen wir für den Kunden. Sind sie es nicht, setzen wir unsere Mandanten darüber in Kenntnis. Wenn sie dann noch gegen den Makler oder Vermittler vorgehen wollen, müssen sie das ohne uns tun. 

procontra: Sie beraten gegen Honorar – woran bemisst sich das? 

Reitmaier: Am Erfolg. Nur wenn die BU-Leistung bewilligt wird, bekommen wir unser Geld. 

procontra: Da ist der Druck hoch. Wie sieht Ihre Erfolgsquote aus? 

Reitmaier: Die liegt bei 98 Prozent. 

procontra: Aber dann liegt der Versicherer mit seinen Argumenten ja nahezu immer falsch beziehungsweise Sie können ihm das entsprechend nachweisen. Wo liegen die Schwachstellen auf Versichererseite? 

Reitmaier: Oftmals fehlt einfach nur der Hintergrund zur Berufskunde. Lagerist ist nicht gleich Lagerist. Daher beantworten wir die Frage, wie sich der konkrete Berufsalltag auch körperlich darstellt. In welchem Umfeld bewegt sich der Betroffene und wie belastbar ist er dort wirklich noch? Häufig wird das nicht konkret genug beim Versicherer eingereicht und lässt ihm damit Lücken, Leistungen abzulehnen. Diese schließen wir dann mit umfassenden Unterlagen, die nachweislich sind und das Krankheitsbild möglichst genau widerspiegeln. Das erhöht die Erfolgsaussichten deutlich. Wir legen dem Versicherer den medizinischen Sachverhalt einfach so detailliert und explizit vor, dass er – vorausgesetzt, wir stufen den Kunden wirklich als BU-Fall ein – ganz einfach leisten muss. Das ist schließlich der Knackpunkt. Die wenigsten Kunden können ihre BU wirklich beweisen. Das hat dann nichts damit zu tun, dass sich der Versicherer um Leistungen drücken will. 

Fotos: Christine Reitmaier

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