Pflege: Vermittler unterschätzen ihre Kundschaft

Versicherungen Top News von Carla Fritz

Zweckoptimismus in der Bevölkerung. Informationslücken bei Vermittlern und die Politik im Nachtrab. Das Politikum Pflege und eine Studie dazu wurden auf dem PKV-Forum der Continentale kontrovers diskutiert.

Es liegt nicht am Geld. Aber woran dann, dass kaum jemand zusätzlich für den Pflegefall vorsorgt? Gerade einmal drei Prozent der Bevölkerung haben eine private Pflegezusatzversicherung. Übertriebener Optimismus und Uninformiertheit bei der potenziellen Kundschaft, Informationslücken bei Vermittlern – auf diesen Nenner bringt es eine aktuelle Studie der Continentale, die zugleich Ausgangspunkt der Diskussion um das Politikum Pflege auf dem 14. PKV-Forum des Krankenversicherers in Köln war.

Das Pflegeparadox
Irgendwie klingt das alles ziemlich paradox: Die Deutschen haben vor nichts mehr Angst, als ein Pflegefall zu werden, sichern sich aber in den wenigsten Fälle dagegen ab. Sie wollen ihre engsten Angehörigen in solchem Fall nicht belasten, hoffen aber, dass diese genau dann einspringen.

Vermittler klagen über fehlenden Vorsorgewillen, unterschätzen aber zugleich die Ausgabebereitschaft ihrer Kunden in diesem Punkt und liegen auch bei der Einschätzung der Ängste ihrer Kundschaft falsch. Sie vermuten die größeren Ängste in Bezug auf Krankheit, Altersarmut und Arbeitslosigkeit. Dabei ist das Pflegethema der größte Angstmacher. Diese Ergebnisse erbrachte eine repräsentative Studie der Continentale (siehe nachfolgende Grafik).



Gerade bei den unter 40-Jährigen, für die eine Absicherung am dringendsten geboten ist, liegen die Vermittler am meisten daneben. Obwohl mindestens jeder Zweite dieser Altersgruppe gerade vor Pflegebedürftigkeit die meiste Angst hat, unterstellen Vermittler dies nur jedem Sechsten. Und auch dass 60 Prozent hier den größten Vorsorgebedarf sehen, deckt sich nicht mit der Einschätzung der  Versicherungsvertreter. Sie tippen auf nur 17 Prozent.

Die Continentale zeigte sich dann auch selbst von den Ergebnissen der Studie überrascht. Zumal den Vermittlern auch nicht bewusst sei, „in wie hohem Maße gerade die Jüngeren auf die Unterstützung der Ehepartner und Familien setzen“, obwohl sie allein angesichts der hohen Scheidungsquote am wenigsten Grund zu diesem Optimismus hätten, so der Vorstandsvorsitzende im Continentale Versicherungsverbund, Helmut Posch.

„Zu teuer“ gibt zwar mehr als die Hälfte der Befragten (58 Prozent) als Hinderungsgrund für eine private Pflegezusatzversicherung an. Aber annähernd drei Viertel (74 Prozent) wären doch bereit mindestens zehn Euro im Monat zu investieren, die Mehrheit würde bis auf 25 Euro gehen – mithin „ungefähr eine Summe, ab der eine gute Absicherung auch möglich ist“, so die Untersuchung. Unter finanziellen Gesichtspunkten stünde demnach selbst einem Top-Schutz nichts im Wege. Denn 37 Prozent der Deutschen halten Ausgaben bis 50 Euro für angemessen, 13 Prozent bis 70 Euro. Acht Prozent würden sogar mehr als 75 Euro im Monat zahlen.

Gepflegte Vorurteile und viel Irrglaube
Allerdings sind 61 Prozent der Bevölkerung der Auffassung: Die Versicherung zahlt im Ernstfall nicht. „Da die meisten privaten Pflegezusatzversicherungen vertraglich garantieren, immer dann zu zahlen, wenn auch die gesetzliche Pflegeversicherung zahlt“, könne hier „ganz klar Uninformiertheit in Verbindung mit Vorurteilen“ unterstellt werden, so die Untersuchung. Dazu hält sich laut Studie hartnäckig der Irrglaube, die Unfallversicherung sei ein angemessener Schutz (60 Prozent).

59 Prozent der Bevölkerung eint zudem der feste Glaube, dass Partner oder Angehörige die Pflege übernehmen werden. Bei einer Scheidungsquote von 50 Prozent, sinkender Geburtenrate sowie der wachsenden Zahl von Singlehaushalten deutet die Studie das als „unangemessenen Optimismus“.

Werden am Ende diejenigen, denen das Geld für eine gute Pflege mit menschlicher Zuwendung fehlt, von Robotern gebettet und gefüttert, gepflegt? Der Philosoph und Bestseller-Autor David Precht jedenfalls sieht diese Gefahr für die Zukunft und schon jetzt Tendenzen zur „Aldi-Pflege“, wenn nicht umgedacht und eine große gesellschaftliche Diskussion auch über das Thema Pflege in Gang kommt. „Moral und Verantwortung – warum wir anders handeln, als wir denken“ war sein Eröffnungsvortrag auf dem Continentale-Forum in Köln überschrieben.

Noch ist Pflege in Deutschland Familiensache. 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden in der Familie gepflegt – überwiegend auch durch Familienangehörige. Darauf wies Ulrich Dietz, Leiter des Referats Grundsatzfragen der Pflegeversicherung im Bundesministerium für Gesundheit, hin. Die häusliche Pflege sei das „Rückgrat der Pflege“. Allerdings werde sich die Struktur der Pflege – bedingt durch zunehmende Erwerbstätigkeit – in Zukunft verändern.

Privater Zusatzschutz – wichtig für den Mittelstand
Wer trägt die Kosten, die die gesetzliche Pflegeversicherung nicht trägt? Das sei das zentrale gesellschaftliche Problem in diesem Bereich, so Dietz. „Die gesetzliche Pflegeversicherung ist eine Teilleistungsversicherung“, stellte er für etwaige Zweifler klar. – Hier sind nach seinen Worten zunächst die Familien gefordert, Lücken zu schließen. Dietz verwies an dieser Stelle explizit auf die gesetzliche Unterhaltspflicht auch der Kinder für ihre Eltern, bevor die Sozialhilfe greift.

Er nannte außerdem die Möglichkeit der privaten Pflegezusatzversicherung. Gerade für Menschen aus dem Mittelstand mit irgendwann pflegebedürftigen Angehörigen sei dies ein sehr wichtiges Angebot, wenn sie als engste Verwandte „mit den Rechnungen des Sozialamtes für Pflegekosten konfrontiert werden“.

Der Einstieg in das Thema Pflege läuft nach seinen Worten über die Beratung der Angehörigen zu den privaten Problemen, die mit einem Pflegefall verbunden sind. „Das soll und muss ausgeweitet werden“, so Dietz. Im Bereich Pflegeberatung habe sich die private Pflegeversicherung sehr hervorgetan, befand er. – Vermittler nehmen das sicher gern als weiteres Argument ins Kundengespräch zur zusätzlichen privaten Pflegeabsicherung mit.

Nachbarn, die Pflegebedürftigen unter die Arme greifen, trifft man glücklicherweise immer wieder. In Aussicht gestellt ist nun, dass sie dafür künftig einen kleinen Obolus von der Pflegekasse erhalten können. Das jedenfalls sieht der Gesetzentwurf zum Pflegestärkungsgesetz unter anderem vor, über den Dietz außerdem informierte. Die Diskussion darüber sei im Gange.

Mit einem zweiten Pflegestärkungsgesetz soll im Folgenden ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt werden. Aus den drei Pflegestufen werden dann fünf Pflegegrade. Und es wird ein neues Begutachtungsverfahren geben. Die bisherige Unterscheidung zwischen Pflegebedürftigen mit körperlichen Einschränkungen und Demenzkranken soll dadurch wegfallen.

Foto: Continentale