BU teuer gefördert

Print Vorschau Versicherungen Top News von Carla Fritz

Kontraproduktiv?! Der Staat sponsert künftig BU-Verträge, die dadurch teurer werden. Zudem bereichern Kombiprodukte den BU-Markt, auf Kosten der Transparenz.

Das sollte eigentlich Hoffnungen fürs neue Jahr wecken: steuerliche Anerkennung von Vorsorgebereitschaft in größerem Rahmen nun auch für das Risiko Berufsunfähigkeit.
Die Assekuranz kann ab 2014 Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsschutz jeweils in eigenständigen steuerlich geförderten Varianten anbieten. Wie schon jetzt bei den BU-Zusatzbausteinen zur Rürup-Rente können dann auch die Prämien für Soloverträge in bestimmtem Rahmen steuerlich geltend gemacht werden. Die Weichen dafür wurden von der Politik mit dem Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz bereits Mitte dieses Jahres gestellt. Ein BMF-Schreiben zur steuerlichen Behandlung der geförderten Produkte werde es im ersten Quartal 2014 geben, verlautbart das Bundesfinanzministerium auf Nachfrage von procontra.


Ein Markt der neuen Möglichkeiten?

Freude darüber will in der Branche nicht so recht aufkommen. Inwiefern die Gesellschaften von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machen und in der Folge dann vor allem auch die Kundschaft von den neuen Angeboten, das ist – nach allem, was man bisher hört – mit einigen Fragezeichen versehen.
Obwohl bis jetzt noch kein einziges der steuerlich privilegierten Produkte überhaupt am Markt ist, eilt ihnen bereits der Ruf von Ladenhütern voraus.

Das hat mit den Auflagen zu tun, die der Gesetzgeber an das Steuerbonbon geknüpft hat. Knackpunkt: Die Leistungen der neuen zertifizierten Berufsunfähigkeits- und Erwerbsunfähigkeitsverträge müssen bis zum Lebensende laufen. Das dürfte den Berufsunfähigkeitsschutz im Vergleich zu normalen Policen um das Doppelte bis Dreifache verteuern, wie Experten errechnet haben. Makler Bert Heidekamp – spezialisiert auf Berufsunfähigkeitsschutz – nennt die verlangte lebenslange BU-Rente ganz offen „Irrsinn“ und verweist im Übrigen auf „weitverbreitete Skepsis bei Produktmanagern“.




Wer soll das bezahlen und wer fängt an? Auch wenn die Branche in den offiziellen Verlautbarungen ihren Missmut über die gesetzlichen Vorgaben routiniert kaschiert, darüber hinwegtäuschen kann dies nicht. „Grundsätzlich begrüßen wir die Ausweitung der BU-Förderung. In der konkreten Umsetzung hätte es nach unserer Auffassung bessere Lösungen gegeben“, erklärt Dr. Peter Schwark, Mitglied der GDV-Hauptgeschäftsführung, gegenüber procontra. Nach einer massiven Angebotsoffensive in nächster Zeit hört sich das nicht an. „Wir sehen noch keine neuen Produkte zum 1. Januar 2014. Die Versicherer werden sich aber den neuen Anforderungen stellen und sicherlich in der Übergangsphase bis 2015 neue Produkte herausbringen, die sich im Wettbewerb beweisen müssen“, sagt Stephan Schinnenburg, Geschäftsführer des Analysehauses Morgen & Morgen.

Für die Alte Leipziger beispielsweise kommt nach den Worten ihres Pressesprechers Andreas Bernhardt eine Einführung im nächsten Jahr nicht in Betracht. Dort geht man davon aus, dass aufgrund der zwangsläufigen deutlichen Verteuerung „viele Interessierte – trotz staatlicher Förderung – von dem Produkt Abstand nehmen werden“.
Diese Befürchtung hegt auch Schinnenburg: „Schwierig wird es für die Vorsorgewilligen, die sich bereits jetzt schon keinen BU-Schutz leisten können beziehungsweise keinen bekommen. Wie sollen sie dann erst die neuen Open-End-Policen bezahlen?“ Auch ein gut gemeinter steuerlicher Anreiz zu mehr Vorsorge könne da letztlich nichts bewirken. Wenn, dann sei es eher wieder ein Produkt für Besserverdienende. Wer als Vermittler diese Klientel zu seiner Kundschaft zählt oder sich vielleicht sogar ausschließlich darauf fokussiert hat, für den sind Marktbeobachtung und Sondieren auf diesem Feld also für die Zukunft besonders Pflicht.

Wissenslücken
Dass trotz aller Vorbehalte im Stillen bereits an dem neuen Schutz getüftelt wird, davon kann man ausgehen. Ein Anbieter soll dem Vernehmen nach bereits für Januar in den Startlöchern stehen. „In jedem Fall sollten die Bedingungen der neuen geförderten Policen mit den normalen BU-Tarifen verglichen werden“, meint Heidekamp. Er erwartet durchaus Leistungsunterschiede – „nicht unbedingt zum Besseren“ – und zieht hier Parallelen zu den derzeit bereits geförderten BU-Zusatzbausteinen. In dieser Kombination mit der Basisrente seien Versicherte durch die Zertifizierungsvorgaben teilweise schlechtergestellt als in ungeförderten Verträgen. Kritisch: Vermittler wüssten dies teilweise bis heute nicht. So dürften beispielsweise bestimmte Zusatzleis-tungen wie Wiedereingliederungshilfen nicht mitversichert sein. „Das schreibt der Gesetzgeber vor. Sonst kriegt man keine Zertifizierung hin.“
[Fortsetzung in der kommenden procontra-Ausgabe ab 13.12. im Handel]

Foto: procontra