Schwellenländer-Fonds: Zauberland ist abgebrannt

Investmentfonds von Julia Groth

Das Wirtschaftswachstum in Schwellenländern sinkt, die Aktienmärkte schwächeln, Investoren ziehen sich zurück. Kurzfristig dürfte es turbulent bleiben. procontra analysiert die Gründe.

Die Entwicklung der weltweiten Schwell- enländer galt lange als lupenreine Erfolgsgeschichte. Die Wachstumszahlen stimmten, viele Emerging Markets bekamen in den vergangenen ein bis zwei Jahren bessere Noten von Ratingagenturen, und auch ihre Aktienmärkte entwickelten sich überwiegend gut. Seit einigen Monaten werden allerdings Zweifel laut, ob die Geschichte tatsächlich ein Happy End haben wird. Während die Konjunktur in den USA wieder anzieht und auch die Eurozone erste Anzeichen von Erholung zeigt, beginnen die Emerging Markets zu schwächeln. „Das absolute Wirtschaftswachstum in Schwellenländern ist immer noch stark, die Wachstumsdynamik hat aber nachgelassen“, sagt Michael Bolliger, Schwellen­länderanalyst der Schweizer UBS. „Die Wachstumszahlen werden ständig nach unten korrigiert.“

Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für das laufende Jahr in entwickelten Staaten mit einem Wachstum von durchschnittlich 1,2 Prozent, in Emerging Markets mit 5,3 Prozent. Für das kommende Jahr sagt er 2,2 beziehungsweise 5,7 Prozent voraus. Im Vergleich steigt das Wachstum in entwickelten Staaten also stärker an. Der Aktienindex MSCI Emerging Markets ist seit Ende April um rund 10 Prozent gefallen, um mehr als doppelt so viel wie der globale Index MSCI World, und eine Erholung scheint vorerst nicht in Sicht. Manch einem Anleger dürfte nun bewusst werden, dass Schwellenländeraktien unterm Strich bereits seit drei Jahren schlechter abschneiden als Titel aus entwickelten Märkten – und dass es dafür womöglich gute Gründe gibt.

Hohe Kapitalabflüsse. Fondsmanager sind angesichts der jüngsten Zahlen vorsichtig geworden. Im laufenden Jahr haben sie so viel Geld aus Emerging Markets abgezogen, dass die Investitionsquote auf den niedrigsten Stand seit Dezember 2008 gefallen ist, geht aus einer Studie der Bank of America Merrill Lynch hervor. Das hat die Aktienmärkte weiter unter Druck gesetzt. Auch Privatinvestoren zeigen sich zurückhaltender. Viele Schwellenländer-Aktienfonds verzeichneten in den vergangenen Monaten Abflüsse. Im laufenden Jahr wurden zum ersten Mal seit Jahren wieder mehr Emerging-Markets-Aktienfonds aufgelöst als neu auf den Markt gebracht, zeigen Zahlen des Fondsbranchenverbands BVI. Die Ergebnisse der Produkte enttäuschten zuletzt. Im laufenden Jahr machten sie im Schnitt rund 7 Prozent Minus.

Den schlechten Nachrichten zum Trotz: Langfristig gelten Aktien aus Schwellenländern noch immer als attraktives Investment. Die Fundamentaldaten in vielen Emerging Markets sind nach wie vor stark, und die USA und die Eurozone haben ihre strukturellen Probleme – Verschuldung, Arbeitslosigkeit, Überalterung – längst nicht gelöst. „In den kommenden Monaten dürfte die Lage schwierig bleiben, auf lange Sicht ist die Wachstumsstory der Emerging Markets aber intakt“, sagt UBS-Analyst Bolliger. Für Privatanleger bedeutet das: Sie sollten bei Verlusten in der nächsten Zeit nicht in Panik geraten, sondern langfristig denken. Und sie sollten genau hinschauen, in welche Länder ein Emerging-Markets-Aktienfonds investiert. „An den Aktienmärkten der Schwellenländer zeigen sich jetzt nämlich große regionale Unterschiede“, erklärt Bolliger.

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