„Nachhaltigkeit stellt einen Prozess dar“

Investmentfonds von Robert Krüger-Kassissa

Der neue Papst Franziskus fährt einen gebrauchten Ford Focus und besucht Flüchtlinge auf Lampedusa. Er macht vieles anders als seine Vorgänger. Über jenen Papst und Siegel bei nachhaltigen Geldanlagen sprach procontra mit Franziskanerpater Claudius Groß.

procontra: Pater Claudius, diese Frage drängt sich förmlich auf: Ihre Einschätzung zum neuen Papst Franziskus?

Pater Claudius: Seine Wahl ist gerade etwas über 100 Tage her. Papst Franziskus, wie er sich überraschenderweise nennt, hat den richtigen Ton getroffen hat, Menschen anzusprechen. Seine Einschätzung der Vatikan-Bank lässt erkennen, dass er im Finanzbereich ethisch sehr eindeutige Kriterien berücksichtigt. Das Image der Vatikan-Bank ist nicht sehr gut. Ich hoffe, er hat den Willen und die Kraft, hier jetzt reinen Tisch zu machen und zwar bis zur Auflösung oder Auslagerung der Vatikan-Bank. 

procontra: Zu Ihren terrAssisi-Fonds: Wodurch unterscheiden sich die Produkte von anderen ethischen Fonds?

Pater Claudius: Wir sehen die ethischen Kriterien auf jeden Fall im Vordergrund, sowohl beim Ratingprozess der einzelnen Titel wie auch beim gesamten Investmentprozess. Da haben wir die Kriterien der Natur-, Sozial- und Kulturverträglichkeit. Diese werden nicht einfach den ökonomischen Aspekten untergeordnet. Sie sind sogar wichtiger. Aber durch ein klares Bekenntnis zum Best-in-Class-Ansatz wollen wir auch den ethischen Wettbewerb unter den Unternehmen und Ländern fördern und somit zu einer Wirtschaft beitragen, die zukunftsfähiger und gerechter ist beziehungsweise wird. 

procontra: In den FNG-Nachhaltigkeitsprofilen Ihres Aktien- und Rentenfonds terrAssisi findet sich eine 10-prozentige Toleranz bei Kernenergie und kein Ausschluss fossiler Brennstoffe. Was sind die Gründe dafür? 

Pater Claudius: Wir schließen die Länder aus, die mehr als 10 Prozent ihres Energiebedarfs durch Atomenergie decken, sofern kein Atomenergieausstieg beschlossen ist oder ein Moratorium für den Bau neuer Atomkraftanlagen vorliegt. Würden wir hier sehr strikte Grenzen setzen, blieben kaum noch Auswahlmöglichkeiten. Nachhaltigkeit stellt einen Prozess dar. Das perfekt nachhaltige Land oder Unternehmen gibt es noch nicht. Das soll uns nicht davon abhalten, dass wir uns auf den Weg dorthin machen, und das wollen wir auch anderen mit unseren Investments vormachen. Die fossilen Brennstoffe sind bei uns kein einzeln selektierbares Kriterium, aber es findet dennoch Einfluss auf die Gesamtbewertung von Unternehmen und Ländern. Solange fossile Brennstoffe unverzichtbar sind, halten wir diese Investments auch als Kompromiss für vertretbar.

procontra: Die 10-prozentige Toleranz beim Ausschlusskriterium Kernenergie bezieht sich nur auf Rentenfonds. Bei Unternehmen, also bei Aktienfonds, gilt sie nicht? 

Pater Claudius: Ja, da gilt sie nicht. Bei Aktienfonds haben wir diesbezüglich kein Kriterium definiert. Man muss auch berücksichtigen, dass zum Beispiel die in Deutschland im Bereich Kernenergie tätigen Unternehmen oftmals auch für die Entwicklung regenerativer Energie beziehungsweise die Energiewende eine Vorreiterrolle spielen und spielen werden. Diesen Prozess gilt es für uns weiter zu beobachten und zu reflektieren.

procontra: Ziemlich überraschend ist die 10-prozentige Toleranz beim Ausschlusskriterium Rüstungsgüter. Was ist die Erklärung dafür?

Pater Claudius: Ein Investment kann zurzeit kaum alles 100-prozentig berücksichtigen. Wir bemühen uns aber, die Kriterien als ethischen Kompass einzusetzen, so dass wir verantwortbare Kompromisse vornehmen können. Bei Rüstungsgütern unterscheiden wir zwischen Produzenten, Händlern und Zulieferern. Es ist oftmals sehr schwierig, einzelne Produktkomponenten oder Beteiligungen von Unternehmen herauszufinden, deshalb diese Toleranz.

procontra: Trotz steigender Volumina nachhaltiger Geldanlagen bleiben diese Produkte hinsichtlich des Gesamtmarktes ein Nischenthema. Werden Siegel oder Label künftig daran etwas ändern? 

Pater Claudius: Wir verbinden damit zumindest die Hoffnung. Label oder Siegel können dazu beitragen, dass die Transparenz des Marktes verbessert wird. Anbieter haben dadurch zudem die Chance, ihr Produkt gegenüber anderen abzugrenzen. Man muss allerdings zurückhaltend bezüglich der Erwartungen an ein solches Label sein. Ein rein formaler Prozess reicht nicht aus. Damit müssen auch inhaltliche Bewertungen einhergehen. Ein solches Siegel sollte auch eine gewisse Dynamik und Anpassungsfähigkeit aufweisen. Zudem ist die Glaubwürdigkeit, also wer das Siegel anbietet, wichtig. Eine breite Trägerschaft aus verschiedenen Akteuren kann zu mehr Glaubwürdigkeit und Akzeptanz eines Siegels beitragen. Wenn allerdings das Label nur vonseiten der Anbieter vergeben wird, dann wäre das nicht ganz glaubwürdig.

Pater Claudius: Der gebürtige Mecklenburger Pater Claudius Groß leitet seit Juli 2010 die Missionszentrale der Franziskaner (MZF). Die MZF ist Hilfswerk, Missionswerk sowie entwicklungs- und menschenrechtpolitische Organisation des mitteleuropäischen Franziskanerordens. Fondsverwaltung und -management der terrAssisi-Fonds übernimmt Ampega.

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