Neue Chance für die PKV?!

Versicherungen von Markus Rieksmeier

Das Institut für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) errechnet für das Gesundheitssystem im Jahr 2060 eine Lücke von mehr als 1.000 Milliarden Euro. 30 Empfehlungen von Kapitaldeckung bis Annäherung der Versicherungssysteme.

Die Überschrift ist zugleich Fazit und Forderung. „Reformierte Dualität: Überfälliger Neustart für GKV und PKV“. So beschreibt das Kieler Institut für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) seine Studie, die das Gesundheitssystem unter demografischen Kriterien betrachtet. Zur Umsetzung gibt das IfMDA 30 Reformempfehlungen, „die - im Gegensatz zum Status quo – generationengerecht, konjunkturunabhängig demografieresistent und sozial ausgeglichen“ seien.

Das IfMDA sieht derzeit „ungeeignete Reformansätze“ für das Gesundheitssystem. Eine Bürgerversicherung würde das Problem der Unterfinanzierung des Systems nur zentralisieren und bürokratisch verwalten („politisch geplante Staatsmedizin“). Solche „geplanten“ Vereinheitlichungsprozesse würden zur „staatlichen Mangelverwaltung führen“. Ausgangspunkt der Studie ist eine Problembeschreibung, die von der demografischen Situation ausgehend auf Maßnahmen für die Gesetzliche und die Private Krankenversicherung überleitet.

Rückläufige Bevölkerungsentwicklung

Wenn die Krankenversicherungs-Systeme unverändert weitergeführt werden, prognostiziert das IfMDA für das Jahr 2030 bei den Gesetzlichen Kassen einen Fehlbetrag von bis zu 1,128 Billionen Euro. Dies entspräche etwa „sechs Jahresausgaben“ der GKV. Das IfMDA sieht diese Unterdeckung in der Bevölkerungsentwicklung begründet. In etwa fünf Jahren gehen die ersten geburtenstarken Jahrgänge ab etwa 1953 in Rente. Laut den Studienautoren fehlen der Altersgruppe der heute 0- bis 49-Jährigen etwa 25 Millionen Menschen. Diese würden benötigt, um das Bevölkerungsniveau stabil zu halten.
Auf die demografischen Strukturen angesprochen, sagt dazu der Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell von der Universität Koblenz kürzlich gegenüber procontra: „Uns fehlen keine Kinder; uns fehlen Eltern, die Kinder hätten bekommen können“. Die Geburtenzahlen in Deutschland stagnieren seit Jahrzehnten. Kamen im Jahr 1970 noch etwa 1 Million Kinder auf die Welt, so sind es laut dem Autor der IfMDA-Studie, Thomas Drabinski, in diesem Jahr nur 650.000. Für 2060 prognostiziert Drabinski etwa 465.000 Geburten.

Etwa im Jahr 2035 werden alle geburtenstarken Jahrgänge (bis etwa 1970 geboren) in Rente sein. Die verbleibende Anzahl der Erwerbstätigen werde mit ihren Beiträgen die Umlagen in die Sozialsysteme nicht mehr finanzieren können: „Der Generationenvertrag ist gekündigt, da eine massive Unterfinanzierung besteht“, fassen die Studienautoren ihre Prognose zusammen.

Ansätze für die Gesetzliche Krankenversicherung
Zunächst müssten laut Studie für die zukünftigen Krankheitskosten der geburtenstarken Jahrgänge 1953 – 1970 Rücklagen gebildet werden. Dazu sollte der Zeitraum bis etwa 2035 genutzt werden. Die Lasten dieses Kapitalersatzes sollten in einem „Mix aus Eigenvorsorge, Zuschlägen für Kinderlose und Steuerzuschüsse“ verteilt werden. Sodann bringt das IfMDA eine Gesundheitspauschale in Gespräch. Ähnlich dem vormals von Prof. Bert Rürup für die Regierung Schröder erwogenen, aber verworfenen, Modell einer Kopfpauschale präferiert das IfMDA einen Pauschalbeitrag von „150 Euro je Erwachsenem, das in der Beitragsautonomie der Krankenkassen umgesetzt wird“.
Als Versicherungspflichtgrenze der GKV will das IfMDA künftig erstens das Familieneinkommen definieren und zweitens die entsprechende Eintrittsschwelle in die PKV auf 3.000 Euro senken. Dadurch kämen mehr Normalverdiener in die „neue PKV“ und damit in den Genuss von Alterungsrückstellungen – ein Argument für die PKV.

Seite 2: Die neue PKV

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