Deutsche vernachlässigen Todesfallschutz

Versicherungen Top News von Markus Rieksmeier

Seit 2000 gibt es in Deutschland 30 Millionen mehr Rentenpolicen. Das hat der GDV-Verband kürzlich mit den Branchenzahlen für 2012 gemeldet. Auf der Schattenseite stehen 24 Millionen weniger Verträge mit Todesfallschutz. procontra hat nachgerechnet.

Der GDV wertet die gestiegene Zahl der Rentenpolicen als Erfolg: „30 Millionen zusätzliche Rentenverträge seit der Riester-Reform beweisen, dass die Menschen verstanden haben, dass zusätzliche private Vorsorge absolut notwendig ist“, sagte GDV-Präsident Alexander Erdland kürzlich. Ein Blick auf die Geschäftszahlen der Branche zeigt: Tatsächlich haben die Menschen nicht 30 Millionen Policen „zusätzlich“ gekauft, sondern sie haben stattdessen andere Versicherungen nicht mehr gekauft.

Insgesamt hat sich die Zahl aller LV-Verträge seit 2000 nur leicht erhöht: Von 87,6 auf 89,1 Millionen Stück im Jahr 2012. Pflegerenten-Versicherungen spielen mit 111.000 Stück derzeit zahlenmäßig noch keine Rolle. Die Zunahme an Rentenversicherungen ging zulasten der Kapitalversicherungen; also solchen, die auch einen Todesfall-Schutz enthalten. Deren Anzahl ging seit 2000 um 24 Millionen Stück zurück!

Im 10-Jahresvergleich 30 Prozent weniger Todesfallschutz
Konkreteres als aus der sehr allgemeinen Statistik ergibt ein Blick in die einzelnen Geschäftszahlen je Versicherungsform und Geschäftsjahr. Hierzu wurden die vom GDV gemeldeten Geschäftszahlen von 2003 und 2012 verglichen. Davon soll im Folgenden auch die Rede sein. Mathematisch zeigt eine Zehn-Jahres-Betrachtung: Vergleicht man die Versicherungssummen von Kapitalversicherungen, so waren im Jahr 2003 rund 1 Billion Euro Todesfall-Leistungen in diesen Kapitalpolicen versichert. Im Jahr 2012 sind es nur noch gut 720 Milliarden, also auf volkswirtschaftlicher Ebene fast 30 Prozent weniger versicherte Leistungen. Das sind große Beträge; deshalb interessiert der durchschnittliche Einzelfall: Der GDV nannte auf Anfrage keine Durchschnittszahlen für Einzelverträge. Diese lassen sich aber aus den Branchenzahlen heraus rechnen:

Ausweislich des für 2012 gemeldeten LV-Bestands, läuft eine Kapitalversicherung im Schnitt 30 Jahre. Der Durchschnittskunde zahlt dafür knapp 60 Euro Beitrag pro Monat und die Versicherungssumme beträgt etwas mehr als 22.000 Euro. Leicht höhere Beträge ergeben sich bei fondsgebundenen Kapital-LV: rund 80 Euro Monatsbeitrag und etwa 27.000 Euro Versicherungssumme. Selbst wenn man diesen durchschnittlichen Versicherungsschutz auf 20.000 Euro je versicherte Person abrundet: 24 Millionen Personen haben diesen Versicherungs-Schutz nicht mehr, weil sie inzwischen Policen ohne Todesfallschutz kauften.

Andererseits führen die Lebensversicherer zurzeit knapp 10 Millionen fondsgebundene Rentenversicherungen im Bestand, die meistens eine Beitragsrückgewähr bei Tod vorsehen. Diese Verträge werden im Schnitt mit 70 Euro im Monat bespart. Selbst nach zehn Jahren Sparzeit kommt hier im Todesfall kaum mehr als 8.000 Euro als Sterbegeld zurück.

Riester-Rente geht zulasten Todesfallschutz
Dass die Versicherten weniger Policen mit Todesfallschutz kaufen, liegt zum Beispiel an inzwischen 10 Millionen Riester-Renten, die keinen Todesfallschutz enthalten (das Altersvorsorge-Vermögen des Verstorbenen lässt sich allenfalls auf Ehepartner übertragen). Ein Durchschnittsverdiener, wie ihn die Gesetzliche Rentenversicherung als Eckrentner kennt, muss mit etwa 2.800 Euro Brutto monatlich knapp 100 Euro Eigenbeitrag leisten. Dieser Monatsbeitrag übertrifft bereits den Durchschnittsbeitrag, den der Durchschnittssparer jeden Monat an seinen Lebensversicherer bezahlt.

Und die reinen Risikoversicherungen? Deren Anteil, vergleicht man wieder die GDV-Bestandsmeldungen 2003 mit 2012 zu „Risikoversicherung“, ist von 6 Prozent auf 8,3 Prozent am Neuzugang gestiegen. Die Anzahl der Verträge nahm um gut zwei Millionen zu, von etwa 5,4 auf 7,4 Millionen. Auch die Versicherungssumme stieg innerhalb der vergangenen zehn Jahr von etwa 60.000 auf nunmehr 75.000 Euro.

Unterm „volkswirtschaftlichen“ Strich gibt es nun also zwei Millionen mehr Risiko-Versicherte, „ordentlich“ mit 60.000 bis 75.000 Euro versichert. Und 24 Millionen weniger Verträge oder Personen, die keinen Todesfallschutz mehr haben, statistisch etwa 20.000 Euro.

Foto: © eccolo - Fotolia.com

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