Pflege-Bahr: Zum Scheitern verurteilt?

Versicherungen Thema Biometrie von Sebastian Brass

Die Anbieter sind der Aufforderung des Gesetzgebers, wenn auch zögerlich, nachgekommen und haben neue, förderfähige Pflegetagegeldpolicen auf den Markt gebracht. Nun tobt der Streit darum, ob sich der Abschluss überhaupt lohnt.

Der Namenspatron und Pate der Anfang des Jahres als „Pflege-Bahr“ gestarteten Pflege-Vorsorgeförderung des Bundes gibt sich von seinem Konzept überzeugt. „Mit der staatlich geförderten Pflege-Zusatzversicherung haben wir gute Voraussetzungen geschaffen, dass wir alle eigenverantwortlich vorsorgen können“, lässt sich Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zitieren. Die Branche reagierte verhalten positiv auf die Einführung, wenngleich kein Unternehmensrepräsentant damit den ersehnten Befreiungsschlag gekommen sah. Vier Monate nach dem Startschuss haben nunmehr 29 Gesellschaften förderfähige Tarife aufgelegt. Eilig hatten sie es nicht damit, was angesichts der restriktiven Vorgaben des Gesetzgebers auch kaum verwundert: Kontrahierungszwang, keine Gesundheitsprüfung, keine Risikozuschläge, 15 Euro Mindestbeitrag, mindestens 600 Euro Leistung in Pflegestufe III (siehe Kasten). Einziges Zugeständnis an die Versicherer: Sie dürfen eine fünfjährige Wartezeit in die Verträge schreiben.

Mangels anderer berücksichtigungsfähiger Faktoren bleibt somit das Alter des Versicherten als Grundlage für die Tarifstaffelung. Wie die erste Tendenz zeigt, sollte man nicht älter als 40 Jahre sein, um für die 15 Euro Mindestprämie pro Monat auf 600 Euro Leis-tung in Pflegestufe III zu kommen. Wer älter ist, zahlt einen höheren Beitrag, Jüngere dagegen erhalten mehr Leistung. Bis Ende April dürften sich nach Angaben des PKV-Verbands gut 70.000 Bundesbürger für dieses Vorsorgemodell entschieden haben. Nicht gerade ein fulminanter Ansturm, aber auch nicht wenig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass noch kaum jemand vom Pflege-Bahr Notiz genommen hat. Eine kürzlich von YouGov durchgeführte Umfrage brachte zutage, dass von den 20- bis 69-jährigen Deutschen satte 89 Prozent nicht von der Existenz der staatlichen Pflegevorsorgeförderung wissen. Eine erstaunliche Zahl, schließlich wurde das Thema auch von den großen Publikumsmedien in den letzten Monaten regelmäßig aufgegriffen.

Doch sie passt auch ins Bild: Die Pflegevorsorge ist ein blinder Fleck der Deutschen (und nicht der einzige), offenbar gilt das Prinzip der selektiven Wahrnehmung. In der Pflicht sind also die Berater – die allerdings durch die Provisionsdeckelung auf zwei Monatsbeiträge mehr Idealismus einbringen müssen als sonst. Schließlich reicht das unter Umständen gerade einmal für die Benzinkosten. Doch unabhängig davon: Kann man die Pflege-Bahr-Tarife eigentlich guten Gewissens empfehlen?

„Nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein“. Die Analysten der Stiftung Warentest kommen zu einem eindeutigen Ergebnis: „Die staatlich geförderte Vorsorge taugt wenig.“ Sie reiche „bei weitem“ nicht aus, um die Deckungslücke zu füllen. Zudem enthielten die Verträge oft ungüns­tigere Konditionen als die ungeförderter Tarife. Aus diesem Grund seien auch keine Kombiprodukte aus gefördertem und ungefördertem Anteil sinnvoll. Die Regelungen etwa zu Demenz, Wartezeit und Beitragsfortzahlung im Leistungsfall fielen dann unvorteilhafter aus. Wer die Gesundheitsprüfung nicht scheuen muss und nicht zu alt ist, so die Kernbotschaft, sollte einen ungeförderten Tarif abschließen. Von denen erhielten beim Test immerhin zwei ein „Sehr gut“ und 14 ein „Gut“. „Würden wir die geförderten Tarife mit dem Maßstab für ungeförderte Tarife messen, müssten wir fast alle mit ‚Mangelhaft‘ bewerten“, bricht Holger Rohde, wissenschaftlicher Leiter Versicherungen und Recht bei der Stiftung Warentest, den Stab über Pflege-Bahr. Hinzu komme die hohe Wahrscheinlichkeit deutlich steigender Beiträge, wenn die in geförderten Tarifen geballten „schlechten Risiken“ die Pflegekosten in die Höhe treiben.

Auch der Gesundheitsökonom Prof. Heinz Rothgang von der Universität Bremen hält den Pflege-Bahr für „zum Scheitern verurteilt“. Der Ansatz trage nicht wahrnehmbar zur Lösung der zukünftigen Pflegefinanzierungsprobleme bei. Dazu sei schon eine obligatorische Zusatzversicherung vonnöten, wie sie im schwarz-gelben Koalitionsvertrag eigentlich auch angekündigt war. Überdies stehe dieses Placebo der dringend nötigen Weiterentwicklung der gesetzlichen Pflegeversicherung im Weg. Auch für die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher, ist der Pflege-Bahr „nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein“.

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Branche steht zum Pflege-Bahr