Der Pflegenotstand wird Normalität

Versicherungen Thema Biometrie von Sebastian Wilhelm

Jeder Zweite wird irgendwann zum Pflegefall – und für die eigene Versorgung zur Kasse gebeten. Dennoch sorgen die wenigsten vor, die Gesellschaft steuert sehenden Auges in den Pflegenotstand.

Früher war die Welt noch in Ordnung. Wenn Oma/Opa nicht mehr allein zurechtkam, ging ihr/ihm eben eine der Töchter zur Hand. Man wohnte praktischerweise unter einem Dach oder in einem Dorf, und die Frauen waren ohnehin zu Hause, an ihrem vermeintlich naturgegebenen Wirkungsplatz. Ebenso aufopferungs- wie liebevoll widmeten sie sich also fortan der häuslichen Pflege der Angehörigen.

Bei Bedarf sprangen andere Familienmitglieder beflissen ein. Die/der zu Pflegende konnte in seiner vertrauten Umgebung bleiben, Kosten entstanden kaum oder gar nicht, Verwahrlosung gab es nur in extremen Einzelfällen.
So weit die Idylle, die allenthalben heraufbeschworen wird, wenn es um die derzeitigen Umbrüche hinsichtlich der Versorgung Pflegebedürftiger geht. Dass früher wirklich alles immer so reibungslos lief, darf sicherlich bezweifelt werden. Fest steht jedoch: Kostengünstiger war es, als das soziale Netz noch vor allem von der Familie gebildet wurde.

In Zeiten, in denen immer weniger Kinder geboren werden, die dann immer weiter verstreut leben, wird die Pflege eines Menschen dagegen zu einer finanziellen Herausforderung. Im Schnitt muss eine Frau 45.000 Euro für die eigene Pflege aufbringen. Die kurzlebigeren Männer sind mit vergleichsweise günstigen 21.000 Euro dabei. Natürlich können die Zahlen im Einzelfall deutlich nach oben oder unten abweichen.

Das Risiko, einen fünfstelligen Betrag für die eigene Pflege mobilisieren zu müssen, ist jedoch für jeden tagtäglich gegeben. Wer nicht vorgesorgt hat, muss das Sozialamt angehen. Und das wiederum nimmt die Kinder oder Eltern in die Pflicht – und zeigt wenig Entgegenkommen bei Wünschen nach einem gewissen Servicestandard.

Eine Fifty-fifty-Wette

Die Chancen, irgendwann ein Pflegefall zu werden, liegen bei rund 50 Prozent. Und wir stehen noch am Anfang der Entwicklung: Da die Gesellschaft altert, werden auch immer mehr Menschen irgendwann pflegebedürftig. Bis 2050 wird mit einer Verdopplung der Zahl der Pflegebedürftigen gerechnet, auf dann über vier Millionen.

Und es sind nicht nur die Alten, die es trifft, auch in jungen Jahren kann ein Unfall oder eine Erkrankung zu Pflegebedürftigkeit führen. Wer angesichts dieses enormen Risikos für jeden Einzelnen darauf hofft und vertraut, dass der Kelch schon an ihm vorübergehen werde, muss ein beinharter Optimist oder schlicht realitätsblind sein.

Seite 2: Begleiteter Suizid statt Pflegefall