BU-Schutz: Das ewige Stiefkind

Versicherungen Thema Biometrie von Sebastian Wilhelm

Auch wenn das Gefährdungsbewusstsein wächst: Die BU ist noch längst nicht so verbreitet, wie sie sein sollte. Für Vermittler bleibt die Aufklärung der Verbraucher eine Daueraufgabe. Die Anbieter buhlen derweil mit verbesserten Bedingungen und immer neuen Berufsgruppen um die guten Risiken.

Selten sind sich Verbraucherschützer und die Versicherungsbranche so einig wie hinsichtlich der Bedeutung einer Berufsunfähigkeitspolice. Vor der „verkannten Gefahr“ warnt etwa die Verbraucherzentrale Bayern. So und ähnlich klingt es seit nunmehr zwölf Jahren. Dennoch haben nach GDV-Angaben nur 25 Prozent der deutschen Haushalte privat vorgesorgt. Aktuell halten die Gesellschaften rund 15 Millionen BU-Verträge in ihrem Bestand. Tendenz: stagnierend. Der Grund liegt nicht nur darin, dass viele der besonders Bedürftigen angesichts ihrer Gefährdung keine BU bekommen. Vor allem sind einige hartnäckige Fehlannahmen in der Bevölkerung verbreitet.

Mythos vs. Fakt. Verschiedene Studien haben in jüngerer Zeit die Wissenslücken der Deutschen beim Thema BU belegt. So glauben laut einer GfK-Umfrage im Auftrag der Heidelberger mehr als die Hälfte, dass eine Berufsunfähigkeit höchstens 10 Prozent der Erwerbstätigen betreffe. 70 Prozent halten das Risiko laut forsa-Studie für „sehr“ oder „eher gering“. Tatsächlich muss jeder Vierte weit vor Rentenbeginn gesundheitsbedingt aus dem Arbeitsleben aussteigen. Noch nicht einmal jeder Vierte allerdings schätzt dieses hohe Risiko korrekt ein.

Vor allem die 30- bis 39-Jährigen erweisen sich als realitätsfremd. Ebenfalls vielen Befragten unbekannt: Die Ursachen für Berufsunfähigkeit werden von Nerven- und psychischen Erkrankungen (29 Prozent) angeführt, gefolgt von solchen des Skelett- und Bewegungsapparats (23) sowie von Krebs und anderen bösartigen Geschwulsten (15). Damit setzt sich ein Trend fort: In Zeiten von Burn-out und Rund-um-die-Uhr-Einsatzbereitschaft halten immer mehr Menschen den Belastungen der Leistungsgesellschaft seelisch nicht mehr stand. Immerhin bekundet auch jeder dritte Befragte, sein eigener Beruf sei stressig.

Das Ursachenranking widerlegt zudem eine weitere verbreitete Fehleinschätzung: dass nämlich eine Unfallversicherung das BU-Risiko schon hinreichend abdecke. „Erstaunlicherweise sind die klassischen Arbeitsunfälle seltener Ursache für die Berufsunfähigkeit“, betont GDV-Sprecherin Una Großmann. Konkret: Nur in jedem zehnten Fall ist ein Unfall verantwortlich.  
Auch hat ein großer Teil der Deutschen noch nicht mitbekommen, dass ab 1961 Geborene von staatlicher Seite wenig zu erwarten haben, wenn sie berufsunfähig werden.

Wer unversichert und unvermögend ist, muss sich im Fall der Fälle mit einem garstigen Wort vertraut machen, das in normalen Zeiten einem anderen Kosmos angehört: Sozialhilfe. Ein Begriff, den auch Berater in ihren Kundengesprächen nicht aussparen sollten, denn er zeigt drastisch auf, welches Risiko man ohne Schutz eingeht. „Der Staat zahlt nur noch ganz eingeschränkt Erwerbsminderungsrente“, so Großmann, damit drohten „harte finanzielle Konsequenzen“ für Unversicherte. Besonders gefährlich kann das im Falle laufender Kredite werden. Und was sich viele nicht klarmachen: Auch die Rente steht auf dem Spiel. Denn wer nicht mehr arbeiten kann, kann auch nicht vorsorgen.

Ein überraschendes Umfrageergebnis: Knapp die Hälfte der Deutschen schätzt die für eine BU-Police zu zahlenden Beiträge deutlich geringer ein, als sie tatsächlich sind. Eine Fehlannahme, die eigentlich zu mehr Interesse am Abschluss führen sollte. Und natürlich kein gutes Vorzeichen für Berater, die Wert auf einen hochwertigen Schutz legen: Die Enttäuschung über die Prämienhöhe ist bei jedem zweiten Kunden vorprogrammiert.

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