Biometrie: Zurück in die Versicherungszukunft

Versicherungen Thema Biometrie von Sebastian Wilhelm

Die Lebensversicherer haben im klassischen Geschäft mit zahlreichen Widrigkeiten zu kämpfen – von Eurokrise und sinkenden Zinsen bis hin zu Streitigkeiten um Bewertungsreserven. Ein Wachstumsfeld bleibt davon unberührt: die Absicherung biometrischer Risiken.

„Die Entwicklung zeigt, dass die Kunden trotz oder gerade wegen des schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds hohes Vertrauen in die Lebensversicherung setzen“, so ein Fazit des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) zu den jüngst veröffentlichten Zahlen für das Jahr 2012. Angesichts eines – letztlich noch positiv überraschenden – Mini-Wachstums von 0,6 Prozent beim Beitragsvolumen und der geringsten Stornoquote seit über 20 Jahren mag die Aussage nicht aus der Luft gegriffen sein. Wie viel Zweckoptimismus jedoch auch darin steckt, zeigen andere Zahlen: So brach das Neugeschäft, gemessen an der Zahl der Verträge, um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein; Riester- und Rürup-Abschlüsse verzeichneten gar ein Minus von 36 beziehungsweise 16 Prozent (siehe Grafik). GDV-Präsident Dr. Alexander Erdland klang denn auch weniger euphorisch, als er kommentierte, dass das Ergebnis „nicht zufriedenstellen kann, vor dem Hintergrund der andauernden Finanz­markt­krise aber als stabil zu bezeichnen ist“.

Keine Frage: Die Kunden sind vorsichtiger geworden. Sie trauen weder den Finanzmärkten noch deren Agenten – und zu diesen zählen auch die Lebensversicherer, die für ihre Kunden Kapital verwalten und nach Möglichkeit vermehren. Die makroökonomische Lage hat zwar einen beträchtlichen Anteil an diesem Vertrauensverlust. So sorgen die anhaltend niedrigen Zinsen für wenig attraktive Überschüsse, die vom Damoklesschwert einer mittel- und langfristig steigenden Inflation bedroht sind. Da schwenken viele Anleger lieber auf Sachwerte um. Doch verantwortlich für die Zurückhaltung der Kunden sind auch die Gesellschaften selbst, die in den vergangenen Monaten und Jahren nicht überwiegend mit vertrauensbildenden Nachrichten in der öffentlichen Wahrnehmung vorkamen. Ob es um die Rentabilität von Riester- und Rürup-Produkten, um die Bewertungsreserven oder um die Rückzahlungshöhe bei vorzeitiger Kündigung ging: Stets entstand der Eindruck, dass die Anbieter mehr ihr eigenes Wohl als das der Kunden verfolgten. Keine gute Ausgangsbasis, um das Interesse an dieser Versicherungsgattung zu befeuern. Und die Aussichten sind auch eher trübe: Aufgrund steigender Eigenkapitalanforderungen (Solvency II) und einer möglicherweise auch für Versicherer kommenden Finanztransaktionssteuer dürfte an der Rentabilitätsschraube einstweilen nicht gedreht werden – zumindest nicht nach oben. Die Lage veranlasste „Die Welt“ bereits zu apodiktischer Klarheit: „Die Lebensversicherung ist ein Auslaufmodell.“

Seite 2: Kapitalbildende Lebensversicherungen sind nicht alles