Lebensversicherer finden Ausweg aus Niedrigzinsfalle

Versicherungen Top News von Stefan Terliesner

Branchenverband GDV lockt mit Investitionen in die Energiewende, wenn die Aufsicht bei Solvency II und anderen Vorschriften weniger streng ist. Allianz: „Sieben Prozent Eigenkapitalrendite mit Windparks“.

Totgesagte leben länger. Das könnte auch für die klassische Lebensversicherung gelten. Notwendig wäre die helfende Hand des Regulators. Genau dafür spricht sich jetzt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in einem Positionspapier aus. Die Idee: die Versicherer investieren verstärkt in die Energiewende und sichern sich so langfristig kalkulierbare (und subventionierte) Renditen. Im Energiesektor sind die Planungszeiträume ähnlich lang wie in der Versicherungswirtschaft – nämlich Jahrzehnte. Daher passen die Zahlungsströme gut zu der Struktur der Garantieversprechungen der Versicherer. Damit wäre ein Ausweg aus dem anhaltenden Niedrigzinsumfeld gefunden. Und die Lebensversicherung mit festem Garantiezins stabilisiert. Seit 1994 ist der Garantiezins bis auf aktuell 1,75 Prozent gesunken. Die Deutsche Aktuarvereinigung sieht derzeit keinen Spielraum für die Erhöhung des Garantiezinses  (Fachsprache: „Rechnungszins“).

„Risiken nicht unbedingt größer, nur anders“

Zum GDV-Vorschlag passen jüngste Äußerungen von Jörg Ladwein, Chefanleger der Allianz Leben im Allianz-Bericht „Ergebnis für den Kunden 2012“: „Wenn wir in Windparks investieren, erzielen wir ungefähr sieben Prozent Eigenkapitalrendite. Die Risiken sind nicht unbedingt größer als am Kapitalmarkt, es sind andere Risiken: Funktioniert die Technik, weht genügend Wind? Jede Anlage hat unterschiedliche Risiken. Wir sagen: Lieber viele kleine unterschiedliche Risiken als ein großes. "

Beim Stichwort Eigenkapitalrendite soll an dieser Stelle daran erinnert werden, dass sich bei einer Investition die Eigenkapitalrendite durch den Einsatz von Fremdkapital hebeln lässt, wenn der Fremdkapitalzins niedriger ist als die Gesamtkapitalrentabilität („Leverage-Effekt“). Insofern wäre es interessant zu wissen, wie hoch der Fremdkapitalanteil bei entsprechenden Investitionen ist. Auf jeden Fall ist Fremdkapital gerade wegen des anhaltenden niedrigen Zinstiefs relativ günstig. Sind die Erträge halbwegs gesichert und Kredite günstig, lässt sich die Eigenkapitalrendite positiv hebeln.

Mit der Umsetzung des GDV-Positionspapiers gingen Politik und Versicherungswirtschaft vollends eine Art Schicksalsgemeinschaft ein. Damit die Energiewende gelingt, muss die Infrastruktur ausgebaut werden. Darin sind sich nahezu alle Energieexperten einig. Und zur Finanzierung drängen sich die Versicherer als potente Kapitalsammelstellen geradezu auf. Dazu auch Marcus Severin, Leiter des Versicherungsgeschäfts in Deutschland und Österreich bei BlackRock: „Infrastrukturprojekte im Bereich der Energiewende bieten höhere Zinsen und bessere Risiko-Rendite-Profile. Zudem ist der erwartete Kapitalbedarf hier ausgesprochen hoch - und Versicherer können die Lücke füllen, die der nachlassende Risikoappetit der Kreditinstitute hinterlässt.“

Regulatorische Hürden

Damit die Versicherer an den kalkulierbaren Geldzuflüssen aktueller und zukünftiger Energiewende-Projekte rankommen, müsste die Politik im Gegenzug die ein oder andere regulatorische Hürde aus dem Weg räumen. Der GDV listet auf:

  • Ein verlässlicher ordnungspolitischer Rahmen und damit Investitionssicherheit.
  • Eine eigene Risikoklasse mit deutlich geringerer Eigenmittelunterlegung in den zukünftigen europäischen Kapital- und Risikovorschriften Solvency II.
  • Die europäischen Entflechtungsvorschriften für gleichzeitige Investitionen in Energieerzeugung und –transport sollten gelockert werden, „ohne das ihr zentrales Ziel – die Sicherstellung des Wettbewerbs im Energiemarkt – infrage gestellt wird.“
  • Moderate Erweiterung der Anlagemöglichkeiten, denn die „aktuellen Anlagevorschriften für deutsche Versicherer berücksichtigen noch nicht die geringen Risiken bestimmter Infrastrukturinvestitionen.“

Es bleibt abzuwarten, wie die Politik auf das Positionspapier reagiert. Dem Bundeskartellamt dürfte der Entflechtungswunsch nicht gefallen. Und die EU-Kommission könnte Bedenken haben, da Wind- und Solarparks in Deutschland hoch subventioniert werden.

Foto:  © elaxed.com - Fotolia.com

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