Treiben Nahrungsmittelspekulationen die Preise?

Investmentfonds von David Hachfeld, Ingo Pies

Welchen Einfluss haben Nahrungsmittelspekulationen auf die Lebensmittelpreise? Die Dominanz der Spekulanten sei problematisch, meint David Hachfeld von Oxfam. Die zivilgesellschaftlichen Organisationen betrieben eine Kampagne, sagt der Wirtschaftsethiker Ingo Pies von der Uni Halle-Wittenberg.

Seit einigen Jahren gleicht der Weltmarkt für Agrarrohstoffe einer Achterbahn. 2008, 2011 und 2012 jagte eine Preisspitze die andere, binnen Monaten haben sich die Kurse von Weizen und Mais verdreifacht, jeweils gefolgt von massiven Einbrüchen. Die Folgen spüren vor allem Arme: Familien in Entwicklungsländern geben oft mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Explodieren die Preise, wächst der Hunger. Hohe und stark schwankende Preise haben viele Ursachen. Missernten, Klimawandel, wachsender Fleischkonsum, Biospritförderung und andere Faktoren beeinflussen Angebot und Nachfrage und damit die Preise. Doch die Preis-Rallye der letzten Jahre lässt sich nicht alleine aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage erklären. Viele Experten und Organisationen wie die Welternährungsorganisation schreiben der Zunahme von spekulativen Geschäften eine Mitverantwortung zu.
Über Jahrzehnte hinweg wurden die Agrarterminbörsen vor allem von realen Händlern von Nahrungsmitteln zur Absicherung gegen Preisschwankungen genutzt. Heute hingegen werden mehr als zwei Drittel der Weizenkontrakte an der Chicagoer Börse von Spekulanten gehalten. Das Volumen der Weizenkontrakte, die an den US-Terminbörsen gehandelt werden, ist 70-mal größer als die gesamte US-Ernte. Zwei Gründe für diese Entwicklung sind die Deregulierung der Börsen seit 2000 und der massive Zustrom von spekulativem Kapital. Zwischen 2003 und 2011 stieg das Anlagevolumen in Agrarrohstofffonds von 9 auf 99 Milliarden US-Dollar.

Die Dominanz von Spekulanten ist besonders problematisch, weil sich viele von ihnen bei ihren Geschäften nicht an Marktdaten, sondern an marktfremden Impulsen oder am Verhalten anderer Händler orientieren.  Es kommt zur vermehrten Blasenbildung. Anders, als oft behauptet wird, versorgt diese Form der Spekulation die Landwirtschaft auch nicht mit neuem Investitionskapital. Stattdessen treibt sie, als Folge der zunehmenden Schwankungen, die Kosten für Absicherungsgeschäfte in die Höhe. Als Reaktion auf diese Fehlentwicklung wird in den USA und der EU über Positionslimits für Spekulanten diskutiert. Von Finanzakteuren wie der Deutschen Bank und der Allianz, in deren Agrarrohstofffonds mehr als zehn Milliarden Euro angelegt sind, werden diese Pläne als überzogen kritisiert. Doch diese Kritik ist unbegründet. Auch mit Positionslimits bleibt Spekulation möglich – nur eben nicht in einem Umfang, der das Verhältnis der Akteure an den Märkten aus dem Gleichgewicht bringt. Die US-Terminmärkte waren über viele Jahrzehnte mittels Positionslimits reguliert, ohne dass dies Probleme für das ordentliche Funktionieren der Märkte dargestellt hätte. Erst seit der Jahrtausendwende wurden diese Positionslimits aufgeweicht – mit der Folge, dass Spekulanten die Märkte dominieren konnten. Heute geht es um die Korrektur dieser Fehler und um eine am Vorsorgeprinzip orientierte Regulierung der Rohstoffbörsen.

Seite 2: contra - Die Vorwürfe treffen nicht zu

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