Die Pflege-Farce

Versicherungen Top News von Stefan Terliesner

Die Bedingungen für den Pflege-Bahr verteuern die Tagegeldtarife. Die Fünf-Euro-Förderung wirkt wie eine Posse mit Kontrahierungszwang.

Der Pflege-Bahr ist da. Vielen Maklern aber wäre ein „Pflege-Rürup“ lieber gewesen. Ab 2013 fördert der Staat die Pflegezusatzversicherung mit fünf Euro pro Monat. Den gleichen Betrag muss der Versicherte mindestens obendrauf legen. Weitere Bedingungen für die Förderung: Der Versicherte darf vor Abschluss nicht pflegebedürftig gewesen sein und muss fünf Jahre lang Beiträge gezahlt haben, ehe er Leistungen in Anspruch nimmt. Zudem muss es sich um eine Tagegeldversicherung handeln, die im schwersten Pflegefall (Stufe III) mindestens 600 Euro pro Monat auszahlt. Die Anbieter dürfen keine Gesundheitsprüfung verlangen, keine Zuschläge für Risiken erheben und keine Leistungen ausschließen. All das wurde von Gesund­heits­minister Daniel Bahr ersonnen, daher „Pflege-Bahr“.

Farce oder richtungsweisend?
Begeisterung löst der Pflege-Bahr bei Maklern nicht aus. Viele empfinden die fünf Euro als „schlechten Scherz“. Peter Przybilla, Gesellschafter bei Hengstenberg & Partner, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Das ist eine Farce mit Kontrahierungszwang.“ In der Branche hätten sich alle mehr erhofft, zumeist eine Art „Pflege-Rürup“, also Steuervorteile statt Zuschuss. In der Altersvorsorge gibt es eine solche Förderung mit der Rürup-Rente, in die Sparer aktuell 14.800 Euro steuersparend investieren können.

Der PKV-Verband begrüßt den Pflege-Bahr als „Schritt in die richtige Richtung“. Angesichts des lange Zeit vorgetragenen Wunsches des Verbands, auch die soziale, paritätisch per Umlage von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanzierte Pflegeversicherung auf Kapitaldeckung umzustellen, klingen die Worte allerdings kraftlos. Nur erwähnt werden soll an dieser Stelle, dass der Beitragssatz in der gesetzlichen Pflegeversicherung ab 2013 von 1,95 auf 2,05 Prozent steigt. Kritik äußert Volker Leienbach, Direktor des PKV-Verbands, aber an den Förderbedingungen, welche „die neuen Tarife teurer machen, als es der bereits erhältliche, nicht geförderte Schutz ist“.

Offerte für schlechte Risiken?
Eine Bedingung ist, dass die Anbieter keine Gesundheitsprüfung verlangen dürfen. Daher befürchtet Przybilla, dass „nur Personen mit Vorerkrankungen in diesen Tarif gehen“. Das bedeute mittelfristig eine deutliche Verteuerung des Tarifs, so dass man vom Abschluss eher abraten müsse. Die neuen Bedingungen würden es den Maklern nicht leichter machen, einen vernünftigen Tarif zu finden. Ohnehin: Wenn man es schaffe, eine solide Altersvorsorge aufzubauen, benötige man keine Pflegeversicherung, sondern bezahle die Pflegekosten aus dem Vermögen. Das Risiko bestünde dann in der Anfangsphase. Falls der Pflegefall früher eintritt, falle der Plan in sich zusammen.
Auch Stefan Albers, behördlich zugelassener Versicherungsberater aus Montabaur, betont: „Wenn man die Demenz ausklammert, besteht das Risiko der Pflegebedürftigkeit ab dem Alter von 80 Jahren und dann für drei bis vier Jahre. Dann tritt häufig der Tod ein.“ Den privat abzusichernden Betrag gibt er mit 70.000 bis 80.000 Euro an. Eine gute Altersvorsorge ist für Albers vorrangig. „Wer ausreichend privat fürs Alter spart, verfügt im Pflegefall über Beträge in dieser Größenordnung.“ Daher werde die Pflegezusatzpolice oft als „Erbschaftssicherungsversicherung“ bezeichnet. Neben der Altersvorsorge sollten Versicherungsnehmer weitere Risiken absichern, bevor sie an die Pflege denken – also etwa Haftpflicht-, Berufsunfähigkeit- sowie Risikolebensversicherung zur Absicherung der Hinterbliebenen.

Drei Vorsorgevarianten zur Auswahl
Zur Absicherung des Pflegerisikos gibt es drei Varianten. Bei der Pflegetagegeldversicherung erhält der Versicherte im Pflegefall pro Tag eine vereinbarte Summe – egal wie hoch die Pflegekosten sind. Die Höhe des Tagesgelds richtet sich allein nach der Pflegestufe. Keinen Einfluss auf die Auszahlung des Tagesgelds  hat, ob die Pflege zu Hause durch Angehörige oder durch Profis erfolgt. Versicherte müssen keine Belege einreichen, um Leistungen zu erhalten. Nachteil: Beitragserhöhungen sind nicht ausgeschlossen. Wichtige Leistungen sind: Demenz, Dynamik und Beitragsbefreiung im Pflegefall.

Ein flexibles, aber auch teures Produkt ist die Pflegerentenversicherung. Im Pflegefall erhält der Versicherte monatlich eine vereinbarte Rente. Die Beiträge können bei Arbeitslosigkeit reduziert werden; im Pflegefall enden sie automatisch. Beitragserhöhungen sind grundsätzlich ausgeschlossen. Durch Einmalzahlungen kann ein Grundstock für die Pflegevorsorge gelegt werden. Nachweise für Pflegekosten müssen nicht erbracht werden, so dass auch pflegende Angehörige das Geld beziehen können. Weiteres Plus: Die Pflegebedürftigkeit wird im Sinne des Betroffenen praxisnäher ermittelt. Nachteil: Gerade weil das Produkt so flexibel ist, geht schnell die Transparenz verloren. Dennoch favorisiert Przybilla diese Variante allgemein, „wenn der Makler dem Kunden das Produkt erklärt“.

Eine Pflegekostenversicherung schließlich erstattet die tatsächlich anfallenden Pflegekosten, die durch Belege nachzuweisen sind. Die Leistungen passen sich der Kostenentwicklung an. Nachteile: Wegen Beitragserhöhungen kann die Police im Alter unbezahlbar werden. Zudem erhalten pflegende Angehörige keine Zahlungen. Und die Kosten für Unterkunft, Verpflegung oder Haushaltshilfe werden nicht übernommen – es sei denn, die Pflege erfolgt stationär.