Mit Essen spielt man nicht!

Investmentfonds von Rainer Kreuzer

Deutsche Fondsanbieter steigen aus Agrarrohstoffen aus. Der Handel mit Nahrungsmittel-Derivaten gerät unter ethischen Druck, während aufgrund einer Dürre in den USA die Kurse abheben.

Geld kennt keine Moral. Und Investmentbanker zocken mit allem, was Gewinne verspricht. Den Ruf hat sich die Branche seit Beginn der Finanzkrise in der Öffentlichkeit, wohl nicht ganz unverschuldet, eingehandelt. Das gibt der bankenkritischen Lobby Rückenwind und zwingt viele Manager zum Umdenken: aktuell auf dem heißen Feld der Agrarrohstoffe.

Deren Preise sind seit Juni wegen einer Dürre und folglich mageren Ernte in den USA steil in die Höhe geschossen. Der Kurs für Weizen stieg bis Anfang September um 40 Prozent, der von Sojabohnen um rund 30. Der marktbreite Rogers Agricultural Commodity Index legte bis zu 25 Prozent zu. Gefüllte Teller für Anleger und Banker – Hunger für 40 Millionen Arme in den Entwicklungsländern. Dies prangern der Verbraucherschutzverein foodwatch und die Hilfsorganisation Oxfam an. In der Öffentlichkeit stößt die Schelte auf große Resonanz, so dass sich inzwischen bereits vier deutsche Großbanken vom Acker machten.   

Banken wollen aussteigen


Die Commerzbank hat Mitte dieses Jahres aus ihrem Fonds „ComStage ETF CB Commodity“ sämtliche Derivate auf Agrarrohstoffe entfernt. „Die Landesbank Baden-Württemberg wird den Vertrieb von Investmentprodukten mit Bezug zu Agrarrohstoffen einstellen“, verkündeten die Schwaben Ende Juni. „Die beiden Fonds ‚LBBW Rohstoffe 1‘ und ‚LBBW Rohstoffe 2 LS‘ werden künftig komplett auf Agrarroh­stoffinvestments verzichten.“ Die Umstellung soll bis Ende des Jahres erfolgen. Bereits seit Ende 2011 bietet die LBBW keine Zertifikate mehr an, die auf Nahrungsmitteln basieren. Die LBB Invest, Tochter der Landesbank Berlin, wollte noch bis Ende September sämtliche Papiere auf Agrarrohstoffe aus ihren Fonds entfernen.

Wählerischer äußert sich die DekaBank. Sie will sich nach Angaben ihres Sprechers Markus Rosenberg bis Ende dieses Jahres von ihren Index-Derivaten auf Weizen, Mais, Soja und Vieh verabschieden. Ihr Fonds „Deka-Commodities“ soll somit auf die Spekulation mit lebensnotwendigen Nahrungsmitteln verzichten, während Kaffee und Kakao weiterhin gehandelt werden dürfen.
Die These, wonach der rein spekulative Handel die realen Preise in die Höhe treibt, ist unter Wirtschaftsexperten allerdings umstritten. „Es gibt keine Gewissheit darüber, ob der Handel mit den Indizes einen Einfluss auf die Verbraucherpreise hat“, argumentiert Deka-Sprecher Rosenberg. „Da wir es aber nicht ausschließen können, verzichten wir lieber darauf.“

Nahrungspreise abhängig vom Rohstoffhandel

Ins Schussfeld von Oxfam und foodwatch geraten nun umso mehr Deutsche Bank und Allianz mit ihrem Vermögensverwalter Pimco. Vor allem Letztere verteidigt weiterhin aufrecht den Handel mit Nahrungsmittelpapieren und will an einen Ausstieg gar nicht denken. Allianz-Vorstandsmitglied Jay Ralph­ argumentiert, dass seine Anleger schließlich keine realen Rohstoffe handelten. Sie böten dem Markt zusätzliche Liquidität und sorgten so für eine Stabilisierung der Preise. Er sei davon überzeugt, „dass die Preise an den Warenterminmärkten den realen Rohstoffpreisen folgen, nicht umgekehrt“, begründet Ralph seine Position. foodwatch-Gründer Thilo Bode sieht dies anders: „Das Auftreten der Kapitalanleger auf den Rohstoffmärkten hat die Rohstoffbörsen an die allgemeine Entwicklung der Finanzmärkte gekoppelt“, kritisiert er. „In der Folge treiben deshalb Faktoren wie Zinshöhe, Risikobereitschaft oder fallende Aktienkurse die Preise für Rohstoffe, völlig unabhängig davon, wie sich Angebot und Nachfrage für die physische Ware entwickeln.“ Gerade durch die Langzeitinvestoren würden Future-Kurse und damit auch die Spot-Preise „künstlich verteuert“. Innerhalb des vergangenen Jahrzehnts, in dem Fondsgesellschaften und institutionelle Anleger verstärkt die Commodity-Märkte entdeckten, hätten sich die Preise der wichtigsten Agrarrohstoffe inflationsbereinigt­ mindestens verdoppelt.

Diesen Argumenten wollte sich selbst Josef Ackermann nicht verschließen. Noch in den letzten Monaten seiner Amtszeit als Chef der Deutschen Bank verkündete er, „in diesem Jahr keine neuen börsengehandelten Anlageprodukte auf Basis von Grundnahrungsmitteln auflegen“ zu wollen. Zudem solle eine Arbeitsgruppe die Ursachen und Auswirkungen der steigenden Preise untersuchen. Ein abschließendes Ergebnis lässt allerdings seit März auf sich warten. Den Aktivisten von foodwatch erscheint dies viel zu lahm. Sie versuchen seit Mitte August mit einer zweiten E-Mail-Kampagne den Druck auf den neuen Vorstand zu erhöhen. An Ex-Chef Ackermann hatten zuvor bereits 63.000 Bürger die vorgefertigten Protestbriefe abgeschickt. Ob demnächst auch Deutschlands mächtigste Bank den heißen Acker verlassen wird, bleibt weiterhin ungewiss. Eine Anfrage an die Presseabteilung führte zu keinem Ergebnis.  

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