Von Riester lernen

Versicherungen von Sebastian Brass

Nach langer Inkubationszeit hat das Bundeskabinett eine Förderung der privaten Pflegevorsorge beschlossen. Die Versicherer begrüßen den Schritt einhellig als richtiges Signal. Doch die erhoffte Initialzündung für das Geschäft mit Pflegezusatzversicherungen wird das Gesetz kaum liefern.

Nachdem die schwarz-gelbe Koalition nach ihrem Wahlsieg 2009 versprochen hatte, die Bürger zu einer zusätzlichen, privaten Pflegevorsorge zu verpflichten, wurde die Branche nicht müde, an die Zusage zu erinnern. Nun endlich stehen die Eckpunkte fest: Jeder volljährige Bürger wird ab Anfang 2013 vom Staat einkommensunabhängig einen Zuschuss zu einer Pflegezusatzversicherung erhalten. Dessen Höhe: fünf Euro pro Monat. Dafür muss der Versicherte im Gegenzug mindestens den doppelten Beitrag einzahlen, der ihm – anders als bei Riester – keinen Steuervorteil einbringt. Entgegen dem Koalitionsversprechen wird die Versicherung freiwillig sein. Gefördert werden nur Pflegetagegeldversicherungen, die im Stufe-III-Pflegefall mindestens 600 Euro monatlich auszahlen. „Angesichts der demografischen Entwicklung ist gerade in der Pflege ein Einstieg in mehr Kapitaldeckung ein zwingendes Erfordernis. Deshalb begrüßen wir die geförderte Pflegezusatzversicherung“, kommentiert Alexander Brams, Vorstandsmitglied der NÜRNBERGER Krankenversicherung, die Pläne. Aus anderen Häusern klingt es ähnlich positiv: „überfällige Weichenstellung“ (HanseMerkur), „dringend notwendige Antwort“ (Allianz), „richtige Richtung“ (HALLESCHE). Die Zustimmung beschränkt sich allerdings weitgehend auf die Tatsache, dass überhaupt mal etwas passiert ist.

Fünf Euro, um die Pflegelücke zu schließen

Insgesamt 100 Millionen Euro sollen im ersten Jahr für die Förderung ausgeschüttet werden. Keine sonderlich beeindruckende Zahl, wie auch Branchenvertreter finden. Immerhin entstehen auch zusätzliche Bürokratiekosten. „Ob die Höhe der Förderung (60 Euro im Jahr) ausreichend sein wird, die von der Politik erhoffte breite Akzeptanz in der Bevölkerung zu gewinnen, wird sich zeigen“, gibt sich Susanne Kluge, Pressesprecherin der Allianz, verhalten. Die Assekuranzen setzen vor allem auf den pädagogischen Effekt: „Auch wenn die Förderung von fünf Euro pro Person und Monat knapp bemessen ist, wird sie das Interesse der Bürger an der notwendigen Absicherung dieses Risikos verstärken“, glaubt Brams. Zudem hat die Regierung zugesagt, die Bürokratie auf das Notwendigste zu begrenzen. Doch ob das reicht, um auf nennenswerte Ansparsummen zu kommen, ist überaus fraglich. Von einer „Nullrendite“ spricht etwa der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Heinz-Gerhard Wilkens, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HanseMerkur, bleibt denn auch skeptisch: „In jedem Fall sind fünf Euro pro Person und Monat äußerst knapp angesetzt.“

Jeder muss versichert werden
Der bescheidene Förderbeitrag gewinnt noch zusätzlich dadurch an Brisanz, dass die Versicherungen in den entsprechenden Tarifen keinen Antragsteller ablehnen dürfen. Gesundheitsfragen und Risikoabwägungen sind verboten. Die Konsequenz für die Tarifgestaltung benennt Wiltrud Pekarek, Vorstandsmitglied der HALLESCHE Krankenversicherung: „Der Verzicht auf eine Gesundheitsprüfung führt natürlich dazu, dass die Prämien etwas teurer werden müssen.“ Da die Versicherer also in die Fördertarife höhere Risiken einkalkulieren müssen, stellt sich die Frage, ob gesunde und junge Menschen nicht besser fahren, wenn sie auf die Förderung verzichten und stattdessen einen „freien“, deutlich günstigeren Tarif wählen. Was wiederum zur Folge hätte, dass sich in den Fördertarifen die Risiken klumpen, womit jene noch teurer würden. Einen „versicherungsmathematischen Super-GAU“ nennt das der Vorstandsvorsitzende des Bundes der Versicherten, Axel Kleinlein. Das Bundesgesundheitsministerium, von procontra zu diesen Kritikpunkten gefragt, möchte dazu nicht Stellung nehmen und verweist pauschal auf die öffentlichen Äußerungen des Ministers.

Unisex derzeit wichtiger als „Pflege-Riester“
Wie genau die Gesellschaften ihre förderfähigen Tarife gestalten wollen, steht derzeit noch nicht fest. Ohnehin halten die Branchenvertreter derzeit im Vertrieb ein anderes Thema für vorrangig. „2012 kann das Motto in der Pflege nur ‚Ran an die Männer!‘ heißen, da durch die Einführung von Unisex-Tarifen der Pflegeversicherungsschutz für Männer deutlich teurer wird“, so ein Sprecher des Maklerpools Jung, DMS & Cie. Die Preisvorteile für Männer beim Abschluss in diesem Jahr werden in jedem Fall den künftigen Förderbeitrag übersteigen, weshalb das Unisex-Argument mehr Gewicht hat. Doch eine neue Zielgruppe für Makler eröffnet sich mit der Neuregelung: jene Kunden, deren Anträge aufgrund von Vorerkrankungen bisher abgelehnt wurden. Auch sie können ab 2013 vorsorgen. Somit bleibt die Pflege ein Top-Thema, das praktisch jeden Kunden angeht. Und die mediale Aufmerksamkeit bietet, wie Wilkens von der HanseMerkur betont, immerhin „einen guten Anknüpfungspunkt für das Kundengespräch“.

 

Fotocredit: Dirk Baranek