Garantiezins im Weichspülmodus

Versicherungen von Stefan Terliesner

Dauerzinstief und EU-Eigenkapitalregeln bedrohen das wichtigste Verkaufsargument für Lebensversicherungen. Ein Zwei-Stufen-Modell soll nun die Rettung bringen.

So verlottert ist die „Marktwirtschaft“ bereits. Jetzt fordert die Assekuranz „eine Wende in der Zinspolitik“. Eine ungeheuerliche Forderung, wäre die Europäische Zentralbank (EZB) noch eine unabhängige Institution. Von Unabhängigkeit freilich kann längst keine Rede mehr sein. Um Banken und Staaten zu retten, betreibt die EZB eine expansive Geldpolitik nie gekannten Ausmaßes. Das Ziel: die Zinsen am Kapitalmarkt niedrig halten. Denn dann können sich Banken güns­tig refinanzieren und Staaten weiterhin kräftig Schulden machen. Das gelingt der EZB bisher ganz gut. In der ganzen Eurozone befinden sich die Zinsen auf einem künstlich niedrigen Niveau. In Deutschland als vermeintlich sicherem Hafen auch für Fluchtgelder aus der Euro-Peripherie rentieren zehnjährige Bundesanleihen seit Langem unter 2 Prozent – historisch wenig. Ein Ende des Dauerzinstiefs ist nicht in Sicht.

Gefahr für Sparer
Das wiederum raubt den Lebensversicherern die Luft zum Atmen. Daher der Ruf nach einer Wende in der Zinspolitik. Auf der Strecke bleiben auch die Altersvorsorgesparer. „Deren Bezüge werden geringer ausfallen, denn die Rendite sinkt und die Inflation steigt“, warnt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Ein Opfer der Einheitsfront der „Euro-Retter“ ist vermutlich auch der Deutschen liebstes Vorsorgeprodukt – die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins über die gesamte Laufzeit. Denn die Garantien, die den Kunden vor allem in den 1990er-Jahren spendiert wurden (siehe Grafik), müssen heute erst einmal verdient werden. „Das ist eine der ganz großen Herausforderungen für die Assekuranz“, lässt sich immer öfter von Top-Managern aus der Branche vernehmen.

Da eine weitere Absenkung des Garantiezinses – fachlich korrekt Höchstrechnungszins – am Markt kaum zu vermitteln wäre, hat die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) bereits im September 2011 einen Vorschlag zur Reform des Höchstrechnungszinses unterbreitet. Dies geschah sicher auch vor dem Hintergrund von Solvency II. Die neuen EU-Eigenkapitalvorschriften müssen bis Mitte 2013 in nationales Recht umgesetzt sein. Ab 2014 wird Solvency II dann scharfgestellt. Die neuen Regeln sehen einen Garantiezins wie in Deutschland nicht vor – verbieten ihn aber auch nicht. Neu ist die Kapitalunterlegung des Geschäfts je nach Risiko. Tendenziell benachteiligt Solvency II die klassische Lebensversicherung, da langfristige Zinsgarantien mit relativ viel Eigenkapital unterlegt werden müssen.

Die ersten Anbieter haben den Glauben an das traditionelle Brot-und-Butter-Geschäft – auch der Makler – bereits verloren. ARAG, HDI-Gerling, Swiss Life und Zurich zum Beispiel bewerben den Klassiker nicht mehr aktiv. Damit ziehen sich vor allem Anbieter zurück, die bereits über eingeführte fondsgebundene Versicherungskonzepte mit Garantieelementen verfügen. Auf der anderen Seite bringen Anbieter wie Continentale aktuell sogar neue klassische Lebensversicherungsprodukte auf den Markt. Es kommt eben stark auf den Einzelfall an.

Solvency II verschärft das Problem                                                       Solvency II verschärft die mit dem Dauerzinstief einhergehenden Probleme für die Assekuranz noch. Die DAV will zwar am Garantiezins festhalten, ihn aber aufweichen. Die Aktuare schlagen vor, „einen zweistufigen Höchstrechnungszins zu wählen, der unterschiedlich ausfallen kann für die ersten 15 Jahre einerseits und für die Folgejahre andererseits“. Der Garantiezins für die erste Periode, der „Initialzins“, orientiert sich am Fünf-Jahres-Durchschnitt der Null-Kupon-Euro-Zins-Swap-Sätze der Deutschen Bundesbank mit der Laufzeit zehn Jahre.

Der zweite Garantiezins, der „Finalzins“, orientiert sich am makroökonomisch herzuleitenden, langfristigen Zins von Solvency II. Bei der Berechnung der beiden Zinsen wollen die Aktuare jeweils Sicherheitsabschläge berücksichtigen. Die Relevanz des Vorschlags ist nicht zu unterschätzen. In der Vergangenheit ist der Gesetzgeber den Vorschlägen der DAV meistens gefolgt. Eine Ausnahme gab es 2011. Entgegen dem Vorschlag der Aktuare senkte der Gesetzgeber den Garantiezins in der Lebensversicherung auf 1,75 Prozent. Als Verkaufsargument eignet sich der Garantiezins seitdem ohnehin kaum noch.

Neue Garantiekonzepte                                                                                  Das Thema ist heikel, weil zwar alle Versicherer unter den Folgen des leiden, aber niemand den Eindruck erwecken möchte, Probleme auf der Kapitalanlageseite zu haben. Inzwischen aber wird offener über eine Reform des Garantiezinses gesprochen. „Eine Änderung ist sinnvoll“ und „Garantien müssen dauerhaft finanzierbar bleiben“, lauten nur zwei Beispiele für aktuelle Äußerungen. Mutiger ist da Norbert Heinen, Chef der Württembergischen Versicherung. Er plädiert seit Monaten für eine Staffelung des Höchstrechnungszinses. Auch eine Revisionsklausel in den Produkten kann er sich vorstellen: Der Höchstrechnungszins könnte dann nach gewisser Zeit angepasst oder auf den Satz des aktuellen Neugeschäfts fixiert werden. Die Gothaer wiederum hält eine Kombination aus Minimumgarantie zu Rentenbeginn sowie zeitlich befristeten Garantiezinsen für sinnvoll.

Laut Gothaer-Konzernsprecher bleibt aber abzuwarten, inwieweit die Umsetzung von Solvency II in deutsches Recht, die bis Ende Oktober abgeschlossen sein soll, „die erforderliche Freiheit für innovative Produktgestaltungen ermöglicht“. Klar ist: Alle Lebensversicherer basteln derzeit an rentablen Produkten. Spätestens zum Jahreswechsel dürften zahlreiche Neuheiten auf den Markt kommen.

 

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