„Steuern wir auf einen Nanny-Staat zu?“

Berater von Oranus Mahmoodi

Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführender Vorstand des Verbands Deutscher Versicherungs-Makler, begrüßt die Einführung eines Finanzprodukte-TÜVs durch die Stiftung Warentest - mit einigen Einschränkungen.

procontra: Herr Jenssen, was halten Sie davon, dass die Regierung die Stiftung Warentest mit der Erstellung eines Finanz-TÜVs beauftragt hat?

Hans-Georg Jenssen: Das ist schon ganz vernünftig - zumal die Stiftung Warentest schon lange Erfahrung mit Produkttests hat. Besser als die Verbraucherzentrale damit zu beauftragen, da wird das Voten von dogmatischen Fragen überlagert, wie die Ampel der Verbraucherzentrale Hamburg mit ihrer Bewertung von Versicherungen zur Altersvorsorge gezeigt hat. Man hat sich hier nur rein am Verzinsungsgedanken orientiert und ignoriert, dass man mit Altersvorsorge Vermögensaufbau betreibt. Wenn man das negiert, ist es kaum verwunderlich, dass dann von der Riester-Rente abgeraten wird. Die Verbraucherzentralen sind also für die Bewertung von Finanzprodukten nicht geeignet.

procontra: Hat den die Stiftung Warentest die fachliche Kompetenz, um Finanzprodukte bewerten zu können?

Jenssen: Die Stiftung Warentest ist geeigneter als etwa eine staatliche Stelle. Nur habe ich meine Zweifel, ob mit 1,5 Millionen Euro pro Jahr, die der Stiftung zufließen soll, viel erreicht werden kann. Es wäre ratsam, ein Beratergremium zu involvieren, in dem auch Praktiker sitzen. So ein Finanz-TÜV sollte sich auf Produkte beschränken, wo schon gravierende Fehlentwicklungen sind. Auf keinen Fall sollte der Finanz-TÜV in einem Ampelsystem ausarten – das wäre nicht optimal. Man sollte sich lieber den windigen Angeboten widmen.

procontra: Sie begrüßen also die Einführung eines Finanz-TÜVs durch die Stiftung Warentest?

Jenssen: Wir begrüßen das nicht vollumfänglich. Der TÜV suggeriert, dass ein Finanzprodukt bei nicht optimalen Testergebnissen vom Markt genommen wird. Das ist unrealistisch. In dieser Hinsicht stellt sich die Frage der Wirksamkeit eines solchen TÜVs. Außerdem spricht die Politik vom mündigen Bürger – was auch sinnvoll ist. Bei dem TÜV muss man sich fragen: Steuern wir in Finanzsachen auf einen "Nanny-Staat" zu? Statt den Bürger in Watte zu packen, sollte man präventiv vorgehen. In den wenigsten Schulen steht Wirtschaft auf dem Lehrplan. Aufklärung ist wichtig.

procontra: Ist der Schritt der Regierung dann überhaupt ernst gemeint oder möchte man die Bürger nur beschwichtigen und sich als Koalition einig zeigen?

Jenssen: Das ist schon ernst gemeint. Ich denke nicht, dass es primär vom Zustand der Koalition abhängt. Der Staat hat geglaubt, dass nach die Akteure der Finanzbranche nach dem Höhepunkt der Finanzkrise einsichtig wären. Aber von Demut und Bescheidenheit ist keine Spur. Es ist ein Armutszeugnis für die Branche, dass im Casino nach einer kurzen Pause so weitergemacht wird, wie zuvor. In dieser Situation ist mehr Information besser als weniger Information.