Ein Stück Menschlichkeit

Panorama von Philipp B. Siebert

Millionen Menschen in Ostafrika sind vom Hungertod bedroht. Oliver Drewes und Philipp Siebert waren mit dem Verein Furaha Phönix in Oloiloilai. Sie bauten Wasserdämme, brachten Vieh und legten Äcker an. Ein Tropfen auf den heißen Stein, der etwas Hoffnung in eine Region brachte.

„Hier ist die Trockenheitskatastrophe, genau hier.“ Wieder einmal hat sich einer der drei LKW festgefahren. Oliver Drewes vom Verein Furaha Phönix Kinderhaus ist seit fünf Tagen unterwegs. Um ihn herum tiefroter Sand und einige verdorrte Büsche. Kein Leben weit und breit, mitten im Massai-Land. Während die deutschen Medien über das dramatische Leiden in Ostafrika berichten, schlagen sich Drewes und seine Kollegen durch den staubigen Busch, irgendwo zwischen Mombasa und Nairobi. Um nicht nur über das Leiden zu sprechen, „sondern um wirklich etwas zu machen“, wie Drewes sagt. Mithilfe von Spendengeldern aus Deutschland wollen sie während der größten Dürre mit Nahrung und medizinischer Versorgung helfen. Elf Millionen Menschen sind am Horn von Afrika aktuell vom Hunger akut bedroht. Es ist die größte Dürre seit Jahrzehnten. Nur wenige 100 Kilometer weiter östlich liegt Dadaab, das größte Flüchtlingslager der Welt. Hunderttausende Menschen suchen hier Zuflucht in der Hoffnung auf Wasser, Nahrung und einer Chance auf Überleben. „Ich habe das noch nie so staubig erlebt, auf der ganzen Welt nicht“, flucht Drewes, während er mit seinen afrikanischen Helfern versucht, den LKW freizuschaufeln. Seine Gesichtsfarbe hat schon längst die Farbe des trockenen Buschsandes angenommen. Die nächste Ortschaft Sultan Hamud liegt 40 Kilometer entfernt. Umgerechnet bedeutet das drei Stunden Fahrzeit, eine Autopanne und zweimal Steckenbleiben. Seit vier Jahren fiel hier kein Regen mehr. Das UNHCR spricht für diese Region von einer ausgewachsenen Hungerkatastrophe. Doch die großen Hilfsorganisationen leisten keine Hilfe. Zu abgelegen und verstreut leben die Menschen hier. Das spürt auch Drewes in diesem Moment. „Die Menschen hier haben keine Chance, wenn wir nicht helfen“, erkennt er.

10 Euro = ein Leben
Drewes ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Furaha Phönix Kinderhaus. Im Norden von Mombasa in Kenia betreibt er seit rund zehn Jahren ein Kinderhaus mit 27 Waisen. Sie haben ihre Eltern verloren und wandelten durch die Straßen, versuchten sich irgendwie durchzuschlagen. Sie schnüffelten Klebstoff gegen den Hunger. Das jüngste Kind, das Furaha Phönix von der Strasse geholt hat, war zwei Jahre alt. Viele der Spender kommen wie Drewes aus der Versicherungsbranche. „Es sind vor allem die vielen Kleinspender, die uns mit 10 oder 15 Euro im Monat weiterhelfen“, meint Drewes. Zehn Euro im Monat retten ein Leben. Beim Blick in die Bücher vom Verein Furaha Phönix wird deutlich, wie das geht: Die Verwaltungskostenquote liegt bei nahezu 0 Prozent, alle aktiven Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. Drewes kennt Kenia und die Menschen. Und viele Menschen kennen ihn. Gemeinsam entstand die Idee, einen Hilfskonvoi, koordiniert mithilfe der Mitarbeiter des Kinderhauses, in die Hungerregionen zu schicken. Nun kämpft sich Drewes mit vier Mitgliedern des Vereins aus Deutschland und 17 Helfern aus Afrika durch die Trockenheit. Es fällt schwer zu glauben, dass in diesem Nichts 2.300 Menschen leben sollen, wie der Dorf-Chief Joseph erzählt hat. Die einzige Nahrungs- und Einkommensquelle der Massai, die Viehzucht, ist fast versiegt. Der Bestand fiel von 7.000 Rindern auf weniger als 300 in der Region. Zu wenig zum Überleben. „In den vergangenen Monaten sollen hier 15 Menschen gestorben sein, die meisten davon waren Kinder“, berichtet Drewes. Über diese Zahlen sprechen die Menschen nur hinter vorgehaltener Hand. Der letzte Chief, der mit den Medien über solche Dinge sprach, war auf einmal spurlos verschwunden, erzählt man sich. Die Regierung dulde keine Hungertoten.


Der Tropfen auf den heißen Stein
Der Hilfskonvoi erreicht Oloiloilai, die erste von acht Stationen. Die Massai empfangen die Helfer mit Gesang und Geschenken. Selbstgemachte Perlenketten als Symbol der Dankbarkeit. Eine Zeremonie eines Urvolkes, „wie aus einer vergangenen Zeit“, so wirkt es auf Drewes. Der Hunger scheint allgegenwärtig. Unter den bunten Gewändern der stolzen Massai verstecken sich Haut und Knochen. Es ist nicht nur die Trockenheit, die den Menschen das Überleben so erschwert. Innerhalb weniger Monate hat sich der Preis für Maismehl auf dem Markt von Sultan Hamud fast verdreifacht. Unbezahlbar für die Massai. Biodiesel und Spekulanten treiben den Preis für das Grundnahrungsmittel der Kenianer immer weiter in die Höhe. Nach diesen Zusammenhängen fragt  mitten im Busch keiner. Während in der westlichen Welt über Renditen und Nachhaltigkeit gesprochen wird, sterben in Oloiloilai Menschen. Die Mitglieder des Konvois verteilen 20 Kilo Mais und 20 Kilo Bohnen, dazu Speiseöl und Saatgut an jeden Haushalt. Die Hilfeleistung wird nur an Frauen verteilt. Voraussetzung: Sie führen einen Haushalt und versorgen eine Familie. Auf diese Weise versorgt Furaha Phönix in den wenigen Tagen 900 Haushalte und über 6.000 Menschen. Hier in Oloiloilai sind es 126 Haushalte und rund 760 Menschen. Es ist keine Lösung für die Probleme. „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, bekennt Drewes. „Aber dieser Tropfen bedeutet ein Stück Menschlichkeit.“ Die Hilfe wird gerade einmal für acht Wochen reichen. Danach geht das Hungern weiter. Drewes kennt solche Rechnungen. Und er reagiert darauf angespannt: „Würden wir über Insekten sprechen, würden wir sagen: Überlassen wir sie sich selbst und mal schauen, ob sie überleben. Aber es sind keine Insekten, es sind Menschen.“ Später in der Nacht rollt der Konvoi wieder in Richtung Sultan Hamud. Im Schneckentempo, in der Nacht erschwert der Staub die Sicht noch mehr als am Tage. Während die Massai durch den Busch zu ihren Hütten, erbaut aus Kuhmist und Erde, laufen, denkt er schon über den nächsten Einsatz nach: Wasserdämme müssen gebaut, der Viehbestand erhöht, Landwirtschaft ermöglicht werden. „Und vielleicht kann man mit den Perlenketten einen Handel aufbauen“, denkt der Hamburger Unternehmer. Hilfe zur Selbsthilfe.

Helfen auch Sie:

Spendenkonto: 036 36 06
BLZ: 200 700 24
Deutsche Bank
www.phoenix-kinderhaus.de

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