„Die Rentabilität von Riester ist unzweifelhaft“

Versicherungen von Matthias Hundt

Das Thema Riester bzw. die mangelhafte Konstruktion dieser privaten Altersvorsorge ist aktuell in aller Munde – besonders nachdem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Rechnungen vorlegte, nachdem die Produkte zumeist unrentabel sind. Dr. Peter Schwark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), sieht das ganz anders.

procontra: Herr. Dr. Schwark, wie stehen Sie zu den Aussagen der DIW-Studie?
Dr. Peter Schwark: Rund 15 Millionen Bürger haben in den vergangenen zehn Jahren einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Sie haben sich dafür entschieden, eigenverantwortlich für ihr Alter vorzusorgen und dafür auf Konsum zu verzichten. Dass die Bürger derzeit mit einer – erkennbar auch politisch motivierten – Anti-Riester-Kampagne verunsichert werden, konterkariert die Bemühungen von Staat und Anbietern, mehr Menschen zum Aufbau einer privaten Vorsorge zu motivieren. Tatsächlich zeichnet sich die Riester-Rente durch eine gute Rendite, ein Höchstmaß an Sicherheit und die Garantie für eine lebenslange Versorgung aus. Damit ist sie das attraktivste Vorsorgeprodukt für das Gros der Bevölkerung –besonders für Geringverdiener und Familien.

procontra: Müssen 15 Millionen Riester Sparer erst das „Jopi(e) Heesters Alter“* erreichen, um eine vernünftige Rendite zu erzielen?
Dr. Schwark: Die vom DIW vorgeführten Rechenbeispiele sind eine geschickte Irreführung der Öffentlichkeit mittels realitätsferner Annahmen: So werden für die extremen Behauptungen ausschließlich die garantierten Mindestleistungen, nicht aber die zu erwartenden Erträge eingerechnet, Kundenoptionen wie Rentengarantiezeiten oder die 30-prozentige Einmalzahlung außer Acht gelassen usw. Besonders schlimm ist, dass die Wirkung der Zulagenförderung einfach herausgerechnet wurde. Wer einfache Gegenbeispiele rechnet, erkennt, dass die Eigenbeiträge meist nach fünf bis acht Jahren Rentenzahlung zurückfließen – obwohl die Versicherer die Renten je nach Rentenbeginnalter und Geschlecht im Schnitt 20 bis 30 Jahre lang zahlen werden. Die Rentabilität von Riester-Verträgen ist unzweifelhaft. Darüber hinaus verkennt diese Betrachtungsweise die Solidargemeinschaft der Versicherten. Niemand weiß, wie alt er selbst werden wird. Die Lebenserwartung steigt derzeit mit jeder Generation um bis zu sechs Jahre an. Die Jüngeren werden angesichts dieses Trends meist deutlich älter als 85 – Viele über 90, Einzelne sogar über 100 Jahre alt. Für wie lange soll also der Einzelne sein Geld ohne eine Rentenversicherung einteilen? (* Anm. d. Red.: Der Sänger und Schauspieler Johannes Heesters starb Weihnachten 2011 im Alter von 108 Jahren.)

procontra: Demnach stimmen Sie auch sicherlich nicht der Kritik zu, dass Riester-Produkte einzig den Versicherungsgesellschaften nutzen?
Dr. Schwark: Das ist genauso absurd, wie zu meinen, das Brot nütze nur dem Bäcker. Kostenlose Produkte gibt es nicht, auch nicht für die Altersvorsorge. Langfristige Vorsorgelösungen sind beratungsintensive und leistungsstarke Dienstleistungen, die sich an einem durch starken Wettbewerb geprägten Markt behaupten müssen. Dabei haben Riester-Produkte gegenüber allen Alternativen den Vorteil, dass sie durch Zulagen oder Steuerersparnis für den Kunden netto deutlich preiswerter sind.

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procontra: Was halten Sie von der Kritik, dass sich Riester für einkommensschwache Familien nicht lohne?
Dr. Schwark: Das Gegenteil ist richtig: Die Förderquote liegt bei einkommensschwachen Haushalten bei weit über 70 Prozent. Gerade für  Geringverdiener und Familien gibt es de facto keine besser geeignete Lösung zum Aufbau einer privaten Altersvorsorge, als die Riester-Rente. Wer stattdessen den Geringverdienern empfiehlt, auf die Grundsicherung zu spekulieren, übersieht die Vergänglichkeit politischer Entscheidungen. Niemand kann sicher darauf bauen, dass heutige Grundsicherungssysteme so auch in 30 Jahren noch existieren werden. Die demographische Entwicklung wird die Konkurrenz der Gesundheits-, Pflege- oder Alterssicherungsleistungen um die öffentlichen Haushalte verstärken. Wer auf Eigenvorsorge verzichtet, wird dem hilflos ausgeliefert sein.

procontra: Sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten im Konstrukt Riester?
Dr. Schwark: Ein starkes Signal wäre, die Förderung der Riester-Rente an die Einkommensentwicklung anzugleichen, mittlerweile müsste diese dementsprechend um 20 Prozent erhöht werden. Idealerweise wird der Dotierungsrahmen danach dynamisiert. Darüber hinaus sollte der Kreis der Förderberechtigten um die große Gruppe der Selbständigen erweitert werden.

procontra: Abschließend gefragt: Nach zehn Jahren Riester haben erst 40 Prozent der Förderberechtigten eine Riester-Police abgeschlossen. Die Politik hatte sich bei Einführung sicherlich mehr erhofft. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung und wird es aufgrund der aktuellen „Riester-Rüge“ zu weiteren Vertriebs-Dämpfern kommen?
Dr. Schwark: Zum einen sind 15 Millionen Verträge in zehn Jahren eine große Zahl. Viele Ältere hatten bereits anderweitig ausreichend vorgesorgt. Ich kenne kein anderes Land, in dem sich ein neues Vorsorgeprodukt ohne Zwang dermaßen schnell verbreitet hat. Und: Der Bestand der Riester-Verträge wächst weiter. Es ist sehr einfach, die unfundierte Kritik an der Riester-Rente mit realen Zahlen zu widerlegen. Das weiß und kann jeder Vermittler.

procontra: Dr. Schwark, vielen Dank für das Gespräch.