„Wer Beitragserhöhungen fordert, macht die Rechnung ohne den Wirt“

Versicherungen Thema Pflege von Robert Krüger-Kassissa

Der „Altersvorsorge-Papst“ Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen im Interview über seine im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA), hinter dem die Deutsche Bank und der Versicherer Deutscher Herold als Gesellschafter stehen, erarbeiteten Vorschläge zur Finanzierung der gesetzlichen Pflegeversicherung und seine Erklärung, warum private Pflegeversicherungen noch nicht der Absatzrenner sind, obwohl sie es eigentlich sein müssten.

procontra: Angesichts der Kostenexplosion in der Pflegeversicherung hat das DIA ein neues Modell zur Finanzierung der Pflege vorgeschlagen. Erläutern Sie bitte kurz, was das Modell beinhaltet?

Prof. Bernd Raffelhüschen: Wir als Forschungszentrum Generationsverträge haben den Vorschlag gemacht, dass wir in Zukunft, um die Finanzierbarkeit der Pflegeversicherung wiederherzustellen, einfach schlichtweg partiell in den vorherigen Zustand zurückgehen. In den ersten Monaten oder vielleicht sogar im ersten Jahr der Pflegebedürftigkeit kann der Mensch die Pflege selbst finanzieren. Und erst wenn er ein langfristiger und schwerer Pflegefall wird, dann soll die Gemeinschaft, also die gesetzliche Pflegeversicherung, eintreten. Das ist das sogenannte Karenzzeit-Prinzip.

procontra: Aber dieses eine Jahr muss auch irgendwie finanziert werden.

Prof. Raffelhüschen: Sie wissen ja, was ein Jahr Pflege kostet. Diesen Betrag muss man irgendwie zur Verfügung stellen, beispielsweise durch eine umgekehrte Hypothek auf die eigene Immobilie. Wenn Betroffene diesen Betrag nicht zur Verfügung stellen können, müssen die Kosten aus einer kapitalgedeckten verpflichtenden privaten Zusatzversicherung finanziert werden.

procontra: Gibt es Alternativen zu diesem Modell?

Prof. Raffelhüschen:
Wenn man sich auf der Ausgabenseite umsieht, dann gibt es neben dem Karenzzeit-Modell auch noch Modelle, die vorsehen, die Pflegestufe 1 ganz herauszunehmen. Aber jemand, der sehr langfristig in Pflegestufe 1 ist, hat auch nicht unbedingt die finanziellen Mittel, um dies zu bezahlen. Andere Modelle haben schon versucht, die Pflegestufe 3 herauszunehmen und zu privatisieren, also in eine Versicherungspflicht zu überführen. Das sind Reformvorschläge, die an der Ausgabenseite ansetzen. Darüber hinaus gibt es Vorschläge, die an der Einnahmenseite ansetzen. Die gehen davon aus, dass die Ausgaben so, wie sie sind, getätigt werden müssen, und um das Ganze zu finanzieren, müssen die Beiträge erhöht oder der Kreis der Beitragszahler ausweitet werden. Die Experten, die so etwas fordern, machen allerdings die Rechnung ohne den Wirt. Denn Beitragserhöhungen müssen tolerabel sein, und in Zukunft sind sie das nicht.

procontra: Mit Gesundheitsminister Daniel Bahr von der FDP hat das DIA doch einen mächtigen Verbündeten für private Pflegevorsorge. Die Pflegereform soll seitens der Politik noch dieses Jahr ins Werk gesetzt werden. Ihre Vorschläge könnten also Gehör finden – oder was spricht dagegen?

Prof. Raffelhüschen: Bei der Karenzzeit gibt es erhebliche Widerstände. Politiker mögen nicht gern als Menschen hingestellt werden, die die Ausgaben kürzen. Das ist politisch-ökonomisch eine Frage, ob man sich traut oder nicht.

procontra: Bereits viele Gesundheitsminister sind an einer grundlegenden Reform des deutschen Gesundheitswesens und der Pflege gescheitert. Warum ist das eigentlich so schwierig?

Prof. Raffelhüschen: Gesundheitswesen ist etwas anderes als Pflege. Die Reform der Pflege ist etwas schwierig, weil man im Grunde genommen zurückführen muss, was man zuvor als Geschenk verteilt hat. Die Einführung der Pflegeversicherung war ja eine Bereicherung der Reichen. Gewonnen haben nicht die Armen, die haben vorher auch etwas bekommen. Gewonnen haben die, die vorher nichts bekommen haben. Das ist der deutsche Mittelstand. Das ist nichts anderes als ein groß angelegtes Erbschaftsbewahrungsprogramm für den deutschen Mittelstand gewesen. Dieses Geschenk, das als Wahlgeschenk im Jahr 1994 verteilt worden ist, zurückzuziehen, fällt natürlich schwer. Denn es war eine Koalition aller, die das eingeführt hat. Das Schicksal der heutigen Pflegefälle ist sicherlich tragisch, aber bezahlt haben sie für ihre Pflegeleistung nicht. Da, wo die Journalisten den Pflegenotstand sehen, sehen wir als Wissenschaftler es so, dass das Geschenk nicht ausgereicht hat. Aber es ist natürlich ein Geschenk, das muss man sich ganz klarmachen.

procontra: Sie sprachen es an: Die Medien wiederholen fast mantraartig den Pflegenotstand. Zudem zeigen Umfragen immer wieder, dass viele Deutsche die Kosten der Pflegebedürftigkeit fürchten. Dennoch ist der Absatz privater Pflegeversicherungen zumindest im Vergleich zu anderen Produktsparten verhältnismäßig gering. Warum?

Prof. Raffelhüschen: Da existiert eine Abwarte-Haltung. Jeder weiß: Der Zustand, wie er ist, kann nicht so bleiben, wie er ist; aber keiner weiß, worauf es letztendlich hinausläuft. In so einer Unsicherheit wird es schwer, entsprechende Produkte abzusetzen. Das ist aber eher eine psychologische Sicht, eine wirkliche Erklärung habe ich dafür auch nicht. 

procontra: Ist der Absatz der Produkte vielleicht auch deshalb noch so gering, weil Vermittler die falsche Kundenansprache verwenden, oder mit welchen Argumenten könnte Ihrer Meinung nach die Bevölkerung von den Vorzügen und vor allem der Notwendigkeit der Produkte überzeugt werden?

Prof. Raffelhüschen: Bei der Altersvorsorge ging es ja dann auch, als mehr als nur ein paar Wissenschaftler sagten, wenn doppelt so viele Menschen versorgt werden müssen und zwei Drittel müssen es bezahlen, dann sieht es eng aus. Anschließend wurde im politischen Bereich mehr und mehr akzeptiert, dass dies ein Problem werden würde, und erst danach kam das Thema private Altersvorsorge in Gang. Das ist der Grund, warum es noch hapert. Wenn wir beispielsweise wissen, es gibt eine Karenzzeit, dann werden einige Menschen das Geld für die Bezahlung der Pflege in dieser Karenzzeit sicherlich haben, aber die meisten werden es nicht haben und sich privaten Pflegeversicherungen zuwenden. Wenn diese Reformen erst mal gemacht sind, dann kommt es wirklich in Gang.