Ist die Pflege noch zu retten?

Versicherungen Thema Pflege von Michael Wessel

Kommentar von Michael Wessel Unternehmensberater, Pflegedienstinhaber und AXA-Berater

Demenz als neue Volkskrankheit, gestiegener Versorgungsbedarf durch frühzeitige Entlassung aus Kliniken – der sogenannte blutige Patient – stellen die Pflege vor neue Herausforderungen. Die Betreuung und Pflege gilt als die Herausforderung der nächsten Jahre. Immer mehr Menschen werden pflegebedürftig – in NRW ist bereits statistisch jeder 33. pflegebedürftig. Das System der Pflegeversicherung arbeitet aber mit Instrumenten, die leider nie in erforderlicher Weise angepasst wurden. Wenn die Einstufung in eine der Pflegestufen 0, 1, 2 oder 3 gelungen ist, gibt die anschließende Versorgung für die Versicherten erhebliche Rätsel auf. Nicht nach der eingestuften Zeit des Medizinischen Dienstes wird gepflegt, sondern nach 30 Leistungskomplexen. Das heißt, die 45 Minuten der Pflegestufe 1 können gar nicht in Anspruch genommen werden, sondern sogenannte Leistungskomplexe, die den ambulanten Dienstleistern zur Verfügung stehen. Da kann es durchaus sein, dass der Patient in 20 Minuten morgens den Leistungskomplex 1 (Ganzwaschung) aufgrund seines Hilfebedarfs in Anspruch nehmen muss und dafür zu Recht fast 600 Euro abgerechnet werden. Minus Pflegestufengeld von 440 Euro in der Pflegestufe 1 macht das bereits eine erhebliche Zuzahlung aus. Hatte nicht der MDK 45 Minuten tägliche Hilfe „zugesagt“?

Mal ehrlich, können Sie sich vorstellen, Montag, Mittwoch und Freitag am ganzen Körper gewaschen zu werden und Dienstag, Donnerstag und Samstag nur an einem Teil Ihres Körpers? Was auch immer dann dieser Teil sein soll?
Ist aber so, danach sind Sie am Monatsende im Rahmen der Pflegestufe 1 für 440 Euro gepflegt worden. Hier ist die Grenze der Pflegeversicherung erreicht.

Das System funktioniert bereits an dieser Stelle nicht, da die Pflegeversicherung nie als Vollkaskoversicherung gedacht war und im täglichen Leben eben noch nicht einmal die Standardbedürfnisse abzudecken vermag – unsere Autos sind möglicherweise besser dran. Ganz abgesehen von der vollstationären Unterbringung, bei der beispielsweise bei einer durchschnittlichen Verweildauer bis zum Tode nach sechs Jahren ein Eigenanteil in der Pflegestufe 2 von circa 165.000 Euro nötig ist, und da haben Sie in keiner Fünf-Sterne-Residenz gewohnt. Auch politisch ist langfristig keine Veränderung der gesetzlichen Pflegeversicherung in Sicht, es wird nicht mehr Geld zur Verfügung stehen. Die Lösung für die Beseitigung der Pflegerealität „satt, sauber und schnell“ liegt in der Hand der Versicherten selbst, frühzeitig Eigeninitiative zu ergreifen und mit Hilfe von Beratungsprofis das beste Produkt herauszufinden. Aus meiner Sicht ist es zwingend nötig, ein Produkt zu wählen, das den Betreuungsbedarf der Demenz (Pflegestufe 0) finanziell zusätzlich berücksichtigt. Beitragsbefreiung ab der Pflegestufe 1 ist zwingend nötig.

Ebenso sind vor allem Wartezeiten ein K.o.-Kriterium. Garantierte Sicherheit ab dem ersten Tag ist unbezahlbare Sicherheit für den Ernstfall.
Volle Auszahlung des monatlichen Pflegegeldes sowie Upgrade-Möglichkeiten (Höherversicherung zu bestimmten Zeitpunkten) sollte das empfohlene Produkt ebenfalls können. Würdig, menschlich und bedarfsgerecht, so muss für uns alle Pflege im Ernstfall aussehen können. Prävention ist das Entscheidende.