Denn sie wissen, was sie nicht tun

Versicherungen Thema Pflege von Sebastian Brass

Die Organisation der Pflege wird zu den zentralen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft gehören. Klar ist: Ohne private Vorsorge wird es nicht gehen. Doch obwohl die meisten sich dessen bewusst sind, handeln nur die wenigsten.

Dieter Grenzner liebte fremde Länder und sein schweres Motorrad. Zusammen mit seiner Frau Claudia erkundete der Industriekaufmann halb Europa auf 12.000 Kubikzentimetern. Den Rest der Welt wollten die beiden Mittfünfziger per Flugzeug bereisen, und ein Gutteil hatten Sie schon geschafft. „Heute kommt es mir vor wie ein früheres Leben“, erinnert sich Grenzner. Sein früheres Leben endete im April 2009. Ein Anruf aus dem Krankenhaus, sein Vater war die Treppe hinabgestürzt. Nichts Lebensbedrohliches, zum Glück, doch nun galt: Pflegestufe 2. „Eine Zeitlang haben wir die Pflege übernommen, damit mein Vater in seiner vertrauten Umgebung bleiben konnte“, so Grenzner, „doch wir wohnen 40 Kilometer entfernt und konnten daher nicht immer für ihn da sein. Als er einmal nach einem kleineren Sturz die ganze Nacht auf dem Küchenboden gelegen hatte und nicht mehr hochkam, mussten wir einsehen, dass es allein im Haus zu gefährlich für ihn war.“

Die Lösung also: ein Pflegeheim. Auch gegen den Widerstand des Vaters, auch gegen das eigene grummelnde Gewissen. Schnell war klar, dass es nicht für eine Premium-Seniorenresidenz reichen würde, sondern nur für eine Einrichtung am anderen Ende der Skala. Die kostet pro Monat immer noch 2.785 Euro. Pflegestufe 2 bedeutet bei stationärer Betreuung 1.279 Euro aus der Pflegeversicherung, der Vater erhält 724 Euro Rente. Damit klafft eine Lücke von 782 Euro – für die der Junior zur Kasse gebeten wird. „Ich wusste gar nicht, dass das geht“, erregt sich Grenzner noch heute. Das alte Häuschen des Vaters am Rande eines abwanderungsgeplagten Dorfes hat bis heute keinen Interessenten gefunden. Der Motorradfan musste daher kürzlich seine Maschine verkaufen. Immerhin kann er sein Auto noch halten und damit seinen Vater besuchen – der ihm allerdings immer noch zürnt. „Mein Lebensstandard war schon mal höher“, fasst Grenzner resigniert zusammen.

Düstere Aussichten
Ein ähnlich böses Erwachen droht Millionen anderer Bundesbürger. Und das, obwohl die unheilvolle Tendenz auf der Hand liegt: „Die Nachfrage nach Pflegeleistungen wird erheblich steigen, zugleich werden immer weniger Erwerbstätige in die gesetzliche Pflegeversicherung einzahlen“, umreißt Reinhold Schulte, Vorstandsvorsitzender der SIGNAL IDUNA Gruppe und Vorsitzender des Verbands der privaten Krankenversicherung, die Entwicklung. Konkret: Von heute 2,34 Millionen soll die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt bis 2030 auf 3,37 und bis 2050 auf 4,5 Millionen hochschnellen. Dabei sind die Demenzkranken („Pflegestufe 0“) noch nicht einmal einbezogen. Parallel dazu wird die Bevölkerungspyramide mehr und mehr auf den Kopf gestellt. Der Anteil der 20- bis 59-Jährigen wird von heute 55,7 Prozent bis Mitte des Jahrhunderts auf 47,2 Prozent sinken. Die Zahl über 80-Jähriger wird sich verdreifachen, was dann 12,1 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht, gegenüber 5,0 Prozent heute (siehe Grafik). 29 Prozent beträgt das rechnerische Risiko, ab dem 80. Lebensjahr pflegebedürftig zu werden. In unserer alternden Gesellschaft wird die Pflege also zu einer der zentralen Herausforderungen der Zukunft.

Dabei präsentiert sich schon die heutige Lage alles andere als rosig. Denn zum persönlichen Leid tritt in der Regel, wie bei Dieter Grenzner und seinem Vater, der finanzielle Engpass. Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt in den meisten Fällen nur einen Teil der Kosten. Den 1.279 Euro für Pflegestufe 2 stehen im Bundesdurchschnitt Heimplatzkosten von 2.900 Euro gegenüber. Bei häuslicher Pflege durch einen Pflegedienst, der mit rund 1.950 Euro zu Buche schlägt, gibt es von Vater Staat 921 Euro (siehe Tabelle). Auch die anderen gesetzlichen Leistungen stehen in krassem Missverhältnis zu den realen Kosten. Wenn keine üppige Rente die Lücke füllt, muss Vermögen in Pflegeleis¬tungen umgemünzt werden. Dann das Einkommen und Vermögen des Ehegatten. Und schließlich müssen die Kinder und Enkel geradestehen. Nicht nur für Dieter Grenzner ist die Vorstellung ein Graus, eventuell einmal seinem Sohn „auf der Tasche liegen“ zu müssen.

Gesetzliche Pflegeversicherung, quo vadis?
„Der Politik bleibt angesichts der angespannten Finanzlage wenig Handlungsspielraum, um die Lage in der gesetzlichen Pflegeversicherung spürbar zu verbessern“, diagnostiziert Frank Kettnaker, Mitglied des Vorstands der HALLESCHE. Den Beitrag von derzeit 1,95 Prozent schlicht immer weiter zu erhöhen ist nicht vermittelbar, gilt doch schon die heutige Höhe der Lohnnebenkosten als kritisch. Doch genau das wäre angesichts der demografischen Entwicklung unausweichlich, um auch nur das aktuelle Versorgungsniveau zu erhalten. Verschärfend kommt aber noch hinzu, dass die Bundesrepublik sich mehr und mehr mit einem neuen Problem konfrontiert sieht: der Altersarmut. Schon heute steigt die Zahl derjenigen Senioren rasant an, die auf die staatliche Grundsicherung angewiesen sind. 400.000 waren es 2009, was einem Plus von 55 Prozent innerhalb von sechs Jahren entspricht. Dank immer mehr Mini-Jobs und brüchiger Erwerbsbiografien, aber natürlich auch der schrumpfenden Zahl von Beitragszahlern wird das Rentenniveau dramatisch sinken. „Wir steuern in eine Zukunft, in der eine auskömmliche Rente selten wird“, so das Szenario des Armutsforschers Prof. Christoph Butterwegge.

Höchste Zeit zu handeln also. Gesundheitsminister Daniel Bahr, der von seinem Vorgänger das „Jahr der Pflege“ 2011 geerbt hat, beließ es allerdings bislang bei vagen Ankündigungen: Kapitalrücklagen sollen gebildet, Bürokratie abgebaut werden. Die Pflege ist eben kein politisches Gewinnerthema. Dass seitens der Branche denn auch keine Revolution erwartet wird, bringt Dr. Klemens Surmann, Sprecher der Gothaer Leben, auf den Punkt: „Unabhängig davon, ob und wie eine Veränderung der gesetzlichen Pflegepflichtversicherung erfolgt, wird private Vorsorge für den Pflegefall auch weiterhin erforderlich sein.“ Das meint auch der Finanzwissenschaftler Prof. Bernd Raffelhüschen, der im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) einen Reformvorschlag erarbeitet hat. Dieser sieht eine Karenzzeit von einem Jahr vor, in der der Pflegebedürftige die Kosten selbst schultern soll. Wie auch immer die Kosten verteilt werden, der Einzelne muss etwas tun.
 
Gefahr erkannt, Gefahr ausgeblendet
Das wissen die Deutschen auch, eigentlich. Zwei Drittel – unter den 30- bis 39-Jährigen sogar 74 Prozent – haben laut einer Umfrage von YouGovPsychonomics Angst vor den finanziellen Einbußen durch Pflegebedürftigkeit, ob der eigenen oder der von Verwandten. Aber nur 18 Prozent begegnen dieser Angst bisher mit dem Abschluss einer privaten Pflegeversicherung. Der Rest setzt auf das Prinzip Hoffnung, zum Beispiel auf die eigenen Kinder. Immerhin werden derzeit zwei von drei Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Doch selbst zu pflegen ist ebenfalls mit enormen Kosten verbunden, nicht nur auf finanzieller Ebene wegen des Wegfalls des Pflegegeldes. Mehrere Studien erbrachten Erschütterndes: So empfindet jeder zweite pflegende Angehörige die Situation als extrem belastend. Rund 25 Prozent haben ihre sozialen Kontakte weitgehend eingebüßt. Und fast jeder Fünfte leidet unter Depressionen. Da nimmt es nicht wunder, dass die Bereitschaft, sich in der Pflege aufzuopfern, sinkt. Laut einer AOK-Studie sahen sich 1997 noch 58,8 Prozent moralisch dazu verpflichtet, 2009 nur noch 45 Prozent.

Der Gesetzgeber würdigt den selbstlosen Dienst allerdings bisher auch kaum. Arbeitnehmer können gerade einmal sechs Monate unbezahlt aussetzen, der Staat übernimmt dann Sozial¬beiträge und Krankenversicherung. Das ist angesichts des tatsächlichen Aufwands eher dürftig. Jeder dritte pflegende Angehörige muss seine Arbeitszeit reduzieren, jeder fünfte sogar in Teilzeit wechseln. Das wird es finanziell schnell eng. Alexandra Markovic, Vertriebsdirektorin Südwest Vorsorge bei der Württembergischen, regt daher eine „Pflegezeit“ analog zur Elternzeit an, um die Belastungen zu mindern. Das Pflegesystem brauche mehr Flexibilität: „Für die Zukunft sehe ich die gesetzliche Pflegeversicherung in der Rolle des Weichenstellers, der das Umfeld und die Grundlagen für kreative Lösungen schafft.“

Frühe Vorsorge spart Geld
Kreative Lösungen für die unausweichliche Versorgungslücke gibt es bereits von der Versicherungswirtschaft. Zahlreiche Tarife beleben inzwischen das Angebot auf dem Pflegemarkt, einige werden auf den Folgeseiten vorgestellt. Allein gemeinsam ist: Der frühe Einstieg lohnt sich. „Für den Versicherungsfall ‚Pflege‘ sollte vom Eintritt ins Berufsleben an vorgesorgt werden“, empfiehlt Maria Werner-Johannßon, Pflegeexpertin bei der DOMCURA. „Je früher, desto besser und desto güns¬tiger“, betont auch Kettnaker. Schließlich passiert man die Hürde Gesundheitsfragen in jungen Jahren leichter. Hinzu kommt: Pflegebedürftigkeit ist nur bedingt eine Frage des Alters. Auch mitten im Leben kann das Schicksal zuschlagen, mit einem Unfall oder einer Krankheit. So hat jeder fünfte Pflegefall das Rentenalter noch nicht erreicht. Daneben spricht aber auch ein weiteres Argument für den frühen Einstieg, wie Schulte betont: „Bei einem kapitalgedeckten Produkt bleibt so mehr Zeit für den Aufbau einer Demografiereserve.“

Drei Versicherungsarten werden angeboten: Die Pflegetagegeldversicherung zahlt bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit einen bestimmten Tagessatz je nach Pflegestufe, unabhängig von den realen Kosten. „Mit einer Pflegetagegeldversicherung entscheidet man auch im Pflegefall selbstbestimmt“, benennt Dr. h. c. Josef Beutelmann, Vorsitzender der Vorstände der Barmenia Versicherungen, einen zentralen Vorteil. Den kann sich auch die Pflegerentenversicherung zugute halten, die zudem eine Überschussbeteiligungsmöglichkeit bietet. Außerdem sind ihre Bedingungen festgeschrieben, da es sich um ein LV-Produkt handelt. Die Tagegeld-Konditionen hingegen können als KV-Leistung – ebenso wie das dritte Modell, die Pflegekostenversicherung – per Beitragsanpassungsklauseln geändert werden. „Eine zusätzliche Stärke bei der Pflegerentenversicherung ist, dass es bei Kündigung einen Rückkaufswert gibt, der dem Kunden ausgezahlt wird“, fügt Werner-Johannßon an. Diesem Mehr an Sicherheit und Flexibilität beim Rentenmodell steht allerdings auch ein Mehr an Beitragszahlungen gegenüber. Günstiger fährt man mit einer Pflegekostenversicherung, die im Gegensatz zur Rente und zum Tagegeld nur die tatsächlich entstehende Versorgungslücke deckt. Wer sich von Angehörigen pflegen lässt und daher keine Rechnung eines Pflegeheims oder -dienstes vorweisen kann, erhält also keine Leistung. Zudem wird nur gezahlt, was im Leistungskatalog der gesetzlichen Pflegeversicherung steht.

Dieter Grenzner überlegt noch, welches Modell er für sich wählt. Dass er nun selbst privat vorsorgen will, steht für ihn außer Frage.  seb