Hurra, die Zinsen steigen!

Investmentfonds von Julia Groth

Viele Anleger fürchten die Nebenwirkungen steigender Leitzinsen für ihr Portfolio. Makler sollten ihnen spätestens jetzt diese Angst nehmen und die positiven Effekte von Zinsanhebungen in den Fokus rücken.

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Warum der Zinsanstieg auch ein Grund zur Freude ist. Bild: Shutterstock.com / Roman Samborskyi

Angesichts mancher Prognosen aus den vergangenen Monaten könnte man glauben: Es ist geradezu ein Wunder, dass die Wirtschaft in den USA nicht längst kollabiert ist. Die Zinsanhebungen der US-Notenbank Fed führen nach Ansicht vieler Ökonomen und Analysten geradewegs in eine Rezession. Die Argumentation: Steigende Zinsen belasteten sowohl Aktien- als auch Rentenmärkte, drückten die Gewinnmargen der Unternehmen und setzten die Wirtschaft unter Druck. Keine guten Aussichten also für die USA – und auch nicht für die Eurozone. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte nämlich nach Einschätzung vieler Experten in der zweiten Jahreshälfte 2019 nachziehen und ebenfalls damit beginnen, die Leitzinsen anzuheben.

USA: Wo ist die Rezession?

In den USA ist von einer Rezession bislang allerdings nicht viel zu sehen. Das Bruttoinlandprodukt der Vereinigten Staaten dürfte im laufenden Jahr um 2,9 Prozent und im kommenden Jahr um 2,5 Prozent wachsen, sagt der Internationale Währungsfonds (IWF). Für die Eurozone prognostizieren IWF-Experten immerhin ein Wachstum von 2,0 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im nächsten Jahr. Damit würde sich zwar die Wachstumsdynamik dies- wie jenseits des Atlantiks verlangsamen. Aber eine Rezession sieht anders aus. Und: Die schwächeren Wachstumszahlen sind laut IWF in erster Linie auf den von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskrieg zurückzuführen. Nicht auf steigende Zinsen.

Anleger wurden in der vergangenen Dekade darauf gedrillt, dass sinkende und tiefe Zinsen positiv sind, Zinsanhebungen dagegen ein Problem. Spätestens jetzt sollten Makler dem etwas entgegensetzen und ihren Kunden erklären, warum die Gleichung „Steigende Zinsen = Verluste“ nicht unbedingt aufgeht. Mit Blick auf die allmählich etwas straffere Politik der großen Notenbanken ist es an der Zeit, die positiven Seiten steigender Zinsen in den Fokus zu rücken.

Zinsanhebung steht für Stabilität

Aus makroökonomischer Sicht sind Zinsanhebungen eine gute Nachricht. Sie deuten nämlich darauf hin, dass die Zentralbanken davon ausgehen, dass die Wirtschaft künftig auch ohne massive geldpolitische Unterstützung auskommt. Steigende Zinsen sprechen also für ein stabileres Wirtschaftsumfeld. Zugleich rüsten sich die Notenbanken mit Zinsanhebungen für den Fall, dass es wieder abwärts geht. Das wird früher oder später passieren, denn die Konjunktur bewegt sich in Zyklen. Sollte es stärker abwärts gehen als gedacht und die Leitzinsen dann immer noch bei null liegen, wäre das ein Problem. Den Notenbanken würde dann ein wichtiges Instrument fehlen, um die Wirtschaft zu stützen – nämlich die Möglichkeit, die Leitzinsen erneut zu senken.

Hohe Zinsen sind Inflationshemmer

Höhere Zinsen können auch die Inflation im Zaum halten, eines der größten Schreckgespenster für deutsche Anleger. Die US-Notenbank hat die Leitzinsen in den Vereinigten Staaten im laufenden Jahr unter anderem deshalb unverdrossen weiter angehoben, weil die Inflation in den Vereinigten Staaten wegen der brummenden Konjunktur stärker angezogen hatte als erwartet. „Leitzinserhöhungen sind ein Instrument, um die Wirtschaft nicht überhitzen zu lassen und die Inflation zu bremsen“, erklärt Michael Schorpp, Fondsmanager bei DJE Kapital. In der Eurozone kommt dieses Instrument bislang nicht zum Einsatz, obwohl auch hier die Inflation gestiegen ist. Ist die Zinswende erst da, kann aber auch die EZB über die Geldpolitik Einfluss auf die Teuerungsrate nehmen.

Die volkswirtschaftliche Seite ist das Eine, die Kapitalmarkt-Seite das Andere. Makler wissen: Steigende Zinsen gelten als Gift für die Aktienmärkte. Sie machen neu ausgegebene Anleihen attraktiver und leiten so Geld von den Aktienmärkten weg. Überdies sollen sie auf Konsum und Investitionen drücken und die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen verschlechtern. Geht man indes davon aus, dass Zinsanhebungen auf eine stabile Konjunktur hindeuten, haben Aktienanleger keinen Grund, eine straffere Notenbankpolitik zu fürchten. Im Gegenteil: „Wenn die Zinssätze durch steigendes Wachstum getrieben werden, können die Anlagemärkte unterstützt bleiben“, sagt Salman Ahmed, Chefanlagestratege bei Lombard Odier Investment Managers. Das habe man vor der Oktober-Korrektur an der Wall Street gesehen.

Sparer haben lange genug gelitten

Der Zusammenhang zwischen Zinsen und Anleihekursen ist direkter als jener zwischen Zinsen und Aktienkursen – und erst einmal negativ für Investoren. Steigen die Leitzinsen, fallen die Kurse bestehender Anleihen. Neu emittierte Schuldtitel bieten dann höhere Kupons, sodass ältere, niedriger verzinste Papiere unattraktiv werden. Die gute Nachricht liegt allerdings auf der Hand: Bei einem höheren Zinsniveau finden Anleger endlich wieder bonitätsstarke Anleihen, die sich tatsächlich lohnen. In den USA lässt sich das gut beobachten. US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit brachten Mitte November eine Rendite von 3,2 Prozent. Damit bieten die Papiere ausreichend Puffer bei einer Konjunkturabschwächung, urteilt Benjamin Melman, Leiter des Bereichs Asset Allocation bei Edmond de Rothschild Asset Management. Der Fondsanbieter hat deshalb zuletzt sein Engagement in US-Treasuries verstärkt.

Den deutlichsten Positiv-Effekt haben steigende Zinsen für Sparer. Die hatten es in den vergangenen Jahren schwer: Der Mix aus Nullzinsen und steigender Inflation führt dazu, dass das Ersparte auf Tages- und Festgeldkonten, Sparbüchern und Girokonten schleichend an Wert verliert. Nun gibt es durch die nahende Zinswende in Europa einen Silberstreif am Horizont. „Sparer bekommen durch höhere Zinsen einen nicht zu unterschätzenden Einkommenseffekt“, sagt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management (siehe Interview). In Deutschland dürfte ein besonders lautes Aufatmen zu hören sein, wenn Spareinlagen nach Abzug der Inflation endlich wieder Rendite bringen. Denn die Deutschen gehören zu den eifrigsten Sparern Europas, auch nach einer Dekade Mini-Zinsen.

Es gibt zahlreiche Studien darüber, wie sich steigende Leitzinsen auf Vermögenswerte auswirken. Kaum eine Studie deutet darauf hin, dass Anleger in Panik ausbrechen sollten, sobald die Notenbanken ihre Geldpolitik straffen. Auch das Beispiel der USA im jüngsten Zinsanhebungszyklus spricht dafür, Ruhe zu bewahren. Zwar sind die Warnungen vor den negativen Effekten steigender Zinsen nicht aus der Luft gegriffen. Nach mehr als einer Dekade mit fallenden und negativen Zinsen haben viele Anleger aber offenbar vergessen, dass es auch anders geht – und dass Zinsanhebungen zuallererst zu einem für Investoren durchaus wünschenswerten Ergebnis führen: zu einem höheren Zinsniveau.

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