„Eurozone dürfte Zinsanstieg gut verkraften“

Investmentfonds Investment-Talk Top News von Julia Groth

Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, erklärt, unter welchen Umständen die Finanzmärkte steigende Zinsen gut verkraften und warum sich gerade die Deutschen auf die Zinswende in Europa freuen sollten.

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Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management. Bild: J.P. Morgan

procontra: Herr Galler, warum fürchten sich Anleger vor steigenden Zinsen?

Tilmann Galler: Zinsanstiege ziehen Preiseffekte nach sich, die sich für Investoren negativ auswirken. Konsumenten geben in Zeiten steigenden Zinsen weniger Geld aus, die Investitionen gehen zurück, und es gibt Bremsspuren an den Immobilienmärkten, weil Finanzierungen teurer werden. Man muss allerdings zwischen Zinssteigerungen in einer frühen und in einer späten Phase des Konjunkturzyklus unterscheiden.

procontra: Warum?

Galler: Zu Beginn eines Zyklus heben Notenbanken die Zinsen an, weil es der Konjunktur wieder besser geht und die Wirtschaft wächst. Damit können sich die Aktienmärkte anfreunden. Es wird erst schwierig, wenn der Zyklus fortschreitet und die inflationären Kräfte gefährlicher werden. Heben Zentralbanken dann die Zinsen im selben Tempo an wie zuvor, kühlt oft die Konjunktur ab und die Wirtschaft rutscht in eine Rezession. Viele Investoren behalten nur die letzte Phase im Kopf und fürchten sich deshalb vor Zinsanhebungen.

procontra: In welcher Phase befindet sich die US-Wirtschaft jetzt?

Galler: Die USA befinden sich konjunkturell in einer späten Phase des Zyklus. Weil die Fed langsam und vorsichtig vorgeht, werden die Zinsanhebungen aber noch nicht zur Gefahr für die Konjunktur.

procontra: Und wie sieht es in der Eurozone aus? Die EZB könnte im kommenden Jahr ebenfalls den Leitzins anheben.

Galler: Mit Blick auf die wirtschaftliche Erholung liegt die Eurozone knapp vier Jahre hinter den USA. Die europäische Wirtschaft befindet sich also in einer mittleren Zyklusphase. Man muss allerdings zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten unterscheiden. Deutschland und Österreich etwa nähern sich bereits einer späten Phase. Die Peripherieländer dagegen beginnen gerade erst, sich zu erholen. Die EZB wird deshalb weiterhin sehr vorsichtig vorgehen. Wir rechnen frühestens im Sommer 2019 mit einem ersten, kleinen Zinsschritt.

procontra: Wie wird sich die Zinswende in Europa bemerkbar machen?

Galler: Die Eurozone dürfte steigende Zinsen zunächst gut verkraften. In den USA haben die Zinsanstiege an den Märkten keinen Schaden angerichtet, im Gegenteil. So könnte es auch in Europa kommen. Vor allem die Deutschen sollten sich freuen. In Deutschland lagern rund vier Billionen Euro auf Sparbüchern oder in vergleichbaren Produkten. Und Sparer bekommen durch höhere Zinsen einen nicht zu unterschätzenden Einkommenseffekt. Auf der anderen Seite haben die meisten Kredite einen festen Zinssatz. Erst wenn sie verlängert, rolliert oder neu aufgelegt werden, wirken sich höhere Zinsen negativ aus. Bei steigenden Zinsen gibt es also erst einmal positive Effekte, gerade in Ländern mit einem hohen Sparüberschuss.

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