„Altersvorsorgepflicht nur für neue Selbstständige“

Berater Top News von Ralf Lemster

Ab 2020 soll eine Altersvorsorgepflicht für Selbstständige gelten. Wie diese exakt aussehen soll ist aber noch unklar. Tipps für die Umsetzung holte sich der Bundesausschuss bei Sachverständigen wie Ralf Lemster. Gegenüber procontra kommentiert er seine Vorschläge.

BDÜ-Vizepräsident Ralf Lemster plädiert unter anderem dafür, den Selbstständigen bei ihrer Altersvorsorge eine Wahlfreiheit zu lassen.

BDÜ-Vizepräsident Ralf Lemster plädiert unter anderem dafür, den Selbstständigen bei ihrer Altersvorsorge eine Wahlfreiheit zu lassen. Bild: Lemster/BDÜ

Seit 2012 ist eine drohende Altersarmut von Selbstständigen ein Dauerthema in der sozialpolitischen Diskussion. „Die Selbstständigen“ sorgten nicht ausreichend für ihre Altersversorgung vor, so die häufig aufgestellte, aber nicht substanziell begründete These.  

So sieht auch der aktuelle Koalitionsvertrag die Einführung einer Altersvorsorgepflicht für Selbstständige vor, die nicht bereits pflichtversichert sind (etwa in berufsständischen Versorgungswerken). Im Rahmen einer Opt-out-Lösung sollen sie zwischen der gesetzlichen Rentenversicherung und anderen geeigneten Vorsorgearten wählen können. In der laufenden Diskussion zeigen sich aber Versuche, solche Alternativen möglichst unattraktiv zu machen und so de facto eine Pflichtmitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung umzusetzen.

Klare Regeln für neue Tätigkeitsaufnahmen

Als Berufsverband mit überwiegend selbstständig tätigen Mitgliedern sehen wir natürlich die Notwendigkeit der Altersvorsorge. Mehr als drei Viertel der im BDÜ organisierten Kolleginnen und Kollegen haben aber bereits eigene Vorsorge getroffen. Sie sind in Eigenverantwortung (häufig langjährige) finanzielle Verpflichtungen eingegangen – würde ihnen nachträglich eine andere Form der Vorsorge vorgeschrieben, könnten sie diesen Verpflichtungen möglicherweise nicht mehr nachkommen.  

Daher fordern wir gemeinsam mit zahlreichen weiteren Verbänden in der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbstständigenverbände (BAGSV), dass eine Altersvorsorgepflicht nur für Selbstständige gelten soll, die ihre Tätigkeit neu aufnehmen. So wäre bei Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit klar, welche Verpflichtungen bestehen; die Notwendigkeit aufwändiger Einzelfallprüfungen würde entfallen.

Aufwand wie bei Angestellten

Grundsätzlich gilt, dass die Belastung für Gesundheits- und Altersvorsorge tragbar bleiben muss. Selbstständige tragen ihre Beiträge in vollem Umfang – dieser darf aber nicht über dem Aufwand für ein vergleichbares Angestelltenverhältnis liegen.  

Ein wirksames Mittel gegen eine drohende Altersarmut sind auskömmliche Honorare, die eine sinnvolle Altersvorsorge überhaupt erst ermöglichen. Hier ist aber noch deutlich „Luft nach oben“ – insbesondere in Bereichen, bei denen der Staat direkt oder indirekt die Höhe der Vergütung beeinflusst, wie zum Beispiel in der Justiz, im Gesundheitswesen und in der Integration. Verbände der BAGSV haben ein Positionspapier vorgelegt, das konkrete Vorschläge zur Umsetzung einer Altersvorsorgepflicht beinhaltet.

Der Autor ist staatlich geprüfter Übersetzer für die englische Sprache und Vizepräsident des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ). Der BDÜ ist mit mehr als 7.500 größtenteils selbstständigen Mitgliedern der größte deutsche Berufsverband der Branche und repräsentiert etwa 80 Prozent aller organisierten Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland.

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare