Deutsche sollten lieber Berufsunfähigkeit fürchten als Asylbewerber

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Laut der R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2018“ wachsen hierzulande die Sorgen vor Migration und Ausländern. Warum er einen Anstieg dieser Ängste für unbegründet hält, erklärt procontra-Redakteur Florian Burghardt in einem Kommentar.

Die Ängste der Deutschen sind paradox: Trotz Pflegekräftemangel und wachsender Altersarmut werden Menschen verteufelt, die uns bei der Bewältigung dieser Probleme helfen möchten.

Die Ängste der Deutschen sind paradox: Trotz Pflegekräftemangel und wachsender Altersarmut werden Menschen verteufelt, die uns bei der Bewältigung dieser Probleme helfen möchten. Bild: procontra

Die größten Ängste haben wir Menschen vor dem Unbekannten. Psychologen begründen das mit der Steinzeit. Als die Menschen vor tausenden von Jahren noch viel enger mit wilden Tieren oder bewaffneten Feinden zusammenlebten, erhöhte eine gewisse Furcht die Aufmerksamkeit, um schnell in den Kampf-oder-Flucht-Modus schalten zu können.

Diese Angst vor dem Unbekannten haben wir uns erhalten. Allerdings leben wir heute nicht mehr eng mit wilden Tieren oder bewaffneten Feinden zusammen. Zumindest nicht in Deutschland. Daher ist unsere Angst vor dem Unbekannten zunehmend irrational geworden. Wir haben große Angst vor Flugzeugabstürzen und Terrorismus, aber fürchten uns kaum vor Verkehrsunfällen – obwohl diese, anders als die beiden anderen Ursachen, jährlich tausende Opfer fordern. Professor Horst Müller-Peters von der TH Köln zeigte vergangenes Jahr im Interview mit dem GDV seine Verwunderung darüber, dass so viele seiner Studenten gegen kaputte Handy-Displays versichert sind, aber nicht gegen Berufsunfähigkeit.

Irrationale Ängste verdrängen echte Probleme

Ein aktuelles Beispiel für irrationale Ängste liefert die R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2018“. Auf Platz eins liegt mit 69 Prozent die recht undefinierte Angst vor einer „gefährlicheren Welt durch die Trump-Politik“. Einen geteilten zweiten Platz (je 63 Prozent) nehmen „Überforderung von Deutschen/Behörden durch Asylbewerber“ und „Spannungen durch Zuzug von Ausländern“ ein. Damit haben sie im Vergleich zum Vorjahr beispielsweise „Politischen Extremismus“ und die Angst vor „Schadstoffen in Nahrungsmitteln“ hinter sich gelassen.

Der „Pflegefall im Alter“ liegt mit 52 Prozent nur auf Platz zehn, „sinkender Lebensstandard im Alter“ mit 39 Prozent auf Platz 15, die Angst vor der „eigenen Arbeitslosigkeit“ mit 25 Prozent auf Platz 20. Übrigens: Obwohl hierzulande jede dritte Ehe geschieden wird, fürchten nur 18 Prozent um das „Zerbrechen der Partnerschaft“.

Der Deutsche sorgt sich also darum, dass seine Behörden überfordert sein könnten. Das klingt wie die deutscheste Angst überhaupt oder – frei nach Horst Seehofer – wie die Mutter aller deutschen Ängste. Dass gerade diese Sorge im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent und damit vier Plätze nach oben geklettert ist, müsste eigentlich verwundern. Denn laut offiziellen Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BaMF) lag die Anzahl der Asylanträge im Jahr 2016 auf seinem Höhepunkt (745.545). Im vergangenen Jahr waren es dann noch 222.683 und im ersten Halbjahr 2018 laut inoffiziellen Zahlen rund 110.000 – also eine Entwicklung entgegen dem Angst-Trend. Inwiefern das BaMF durch seine selbstgemachten, internen Ungereimtheiten überfordert ist, steht auf einem anderen Stück Papier. 

Zuzug neuer Beitragszahler

Welche Ängste genau mit „Spannungen durch Zuzug von Ausländern“ gemeint sind, wird in der Studie nicht weiter definiert. Die Sorge um eine im Alter nicht ausreichende gesetzliche Rente dürfte damit jedenfalls nicht zusammenhängen. Denn die Deutschen werden bekanntermaßen immer älter und weniger. Unabhängig davon, ob man gerne neue Menschen und Kulturen kennenlernt, sollten sich die Deutschen deshalb vielmehr über den Zuzug neuer Beitragszahler freuen als diesen zu verteufeln.

Denn entgegen vieler fremdenfeindlicher Behauptungen findet dieser Beitragszahler-Zuzug auch statt. Wie die Bundesagentur für Arbeit im August mitteilte, gingen im Mai 306.574 Personen aus den acht Haupt-Asylzugangsländern einer Beschäftigung nach. Im Mai 2017 waren es noch 203.736 Personen gewesen. Die Anzahl der sozialversicherten Beschäftigten stieg binnen eines Jahres um 87.991 auf 237.537 Personen. Die Erwartungen der Bundesagentur wurden damit sogar leicht übertroffen.

Unter dem Strich sollten sich die Deutschen deshalb lieber weniger Sorgen um Asylbewerber machen als um das Risiko berufsunfähig zu werden. Denn das erwischt statistisch gesehen jeden Vierten.

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