"Bei Aktienmarktrallye nüchtern bleiben"

Investmentfonds Top News von Jan F. Wagner

Matthew Siddle, Manager des Fidelity European Growth, über die defensive Ausrichtung seines Aktienfonds, seine Erwartungen und Fidelitys neue Gebührenstruktur.

Matthew Siddle, Manager des Fidelity European Growth.

Matthew Siddle, Manager des Fidelity European Growth. Foto: Fidelity

procontra: Ist die seit 2009 andauernde Hausse an den Aktienmärkten überwiegend auf eine „Politik des billigen Geldes“ zurückzuführen?

Matthew Siddle: Im Prinzip schon. Im Jahr 2012, als die Eurokrise wütete, hat sich EZB-Präsident Mario Draghi dafür entschieden, die Märkte mit Geld zu fluten. In den USA hat die Fed die Finanzkrise mit einer Kombination aus Niedrigzinspolitik und „Quantitative Easing“ (zu Deutsch: Anleihenkäufe im großen Stil; Anm. d. Red.) erfolgreich bekämpft. Es besteht aber die Gefahr, dass die Märkte von der Droge zu abhängig werden. Falls die Inflation doch wieder zurückkehrt, müssen die Zentralbanken mit der expansiven Geldpolitik aufhören. Das würde dann die Märkte schockieren, und die Volatilität wäre wieder da.

procontra: Inflationsängste waren der Auslöser für eine Korrektur am Aktienmarkt Anfang Februar. Wie ist es Ihrem defensiven Fonds ergangen?

Siddle: Dieser Kursrücksetzer war sehr interessant. Unternehmen, die weniger risikobehaftet waren, sind genauso stark eingebrochen wie ihre risikoreicheren, eher zyklischen Pendants. Dies hat Möglichkeiten geschaffen, in Unternehmen zu investieren, deren Fundamentaldaten nicht beeinflusst wurden, aber die deutlich günstiger bewertet wurden. Ich habe dazu die geringe Menge an Cash im Portfolio investiert.

procontra: Ist die viel beschworene Aktienmarktrallye nun gefährdet?

Siddle: Davon gehe ich nicht aus. Die Weltwirtschaft ist in einer sehr guten Verfassung, das zeigen die Wirtschaftsdaten. Um Ihnen einige Beispiele zu nennen: Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit den 80er-Jahren nicht mehr. Die Investitionen der Firmen sind auf einem hohen Niveau, und die Stärke der Verbraucher wird auch durch die Rekordzulassungen von Neuwagen deutlich. Ich erwarte auch nicht, dass die Europäische Zentralbank 2018 von ihrer Politik des billigen Geldes abrückt oder dass die Fed die Leitzinsen kräftig erhöht. In Amerika ist der Konjunkturzyklus allerdings ziemlich weit fortgeschritten. Dies macht sich anhand der hohen Bewertungen für Aktien bemerkbar.

procontra: Für viele deutsche Sparer ist die Volatilität am Aktienmarkt der Grund, weshalb sie mit Aktien nichts zu tun haben wollen ...

Siddle: Aktien sind volatil, keine Frage. Sie sind aber meines Erachtens die bessere Alternative für deutsche Sparer. Da die Zinsen bei fast null sind, werden ihre Ersparnisse von der Inflation aufgefressen. Anders ausgedrückt: Wenn Sie das Geld einfach auf dem Bankkonto belassen, werden Sie Nettovermögen verlieren.

procontra: Einige Deutsche sehen im Aktienmarkt nichts anderes als ein Spielcasino. Die Aktivitäten der Hedgefonds oder Hochfrequenzhändler scheinen diese Sichtweise zum Teil zu bestätigen, oder?

Siddle: Diese Sichtweise kann ich nicht ganz nachvollziehen. Derartige Spekulationen machen nur einen Teil des Börsengeschehens aus. Es gibt auch jede Menge langfristig orientierte Investoren, und der Sparer muss das gleiche Anlageziel haben wie sie: langsam, aber sicher ein Vermögen aufzubauen. Wenn der Sparer an der Börse schnell reich werden will, wird er auf die Nase fallen. Er wird dann risikoreichere Titel kaufen und vielleicht auch zu hohen Preisen. Oder er wird sich bei fallenden Märkten von seinen Aktien trennen und dadurch auf die Erholung verzichten, die danach kommt.

procontra: Damit wären wir wieder bei der Strategie des Fidelity European Growth.

Siddle: Exakt. Die Strategie meines Fonds zielt darauf ab, gerade diese Verhaltensfehler zu vermeiden. Ich investiere in Qualitätsfirmen mit stabilen Cashflows und Gewinnen. Damit kann ich auf lange Sicht gute Renditen erzielen, ohne ein zu großes Risiko einzugehen. Zwei Beispiele aus dem Fondsportfolio sind Siemens und SAP. Siemens generiert eine Cashflow-Rendite von 6 bis 7 Prozent jährlich, SAP 4 Prozent. Solche Anlagen sind doch viel attraktiver als ein Bankkonto, das 1 Prozent an Zinsen bietet.

procontra: Und dennoch konnten Sie die Benchmark in den vergangenen Jahren nicht schlagen.

Siddle: Der Grund, warum European Growth eine unterdurchschnittliche Performance auswies, hat mit seiner Ausrichtung auf Qualitätsunternehmen mit einem geringeren Risiko zu tun. Als ich im Juni 2012 den Aktienfonds übernahm, herrschte die Eurokrise. Kurze Zeit später kam jedoch die Entscheidung der EZB, die Geldschleusen zu öffnen. Und es hat funktioniert: Heute ist die Arbeitslosigkeit in Europa auf ein neues Tief gefallen, und wir haben wieder starkes Wachstum. Risikoreichere Unternehmen wie beispielsweise Infineon stehen mehr im Fokus. Damit will ich sagen: Wir haben derzeit kein Makroumfeld, in dem mein Fonds besonders gut abschneidet. Wenn sich allerdings das Umfeld verschlechtern sollte, wird mein Fonds eine überdurchschnittliche Performance liefern. Dann sind Unternehmen mit stabileren Cashflows wie Siemens oder SAP gefragter.

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