BU: Leistungsfallbearbeitung muss individueller werden

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Setzen Berufsunfähigkeitsversicherungen auf Gutachten, um Leistungen systematisch zu verzögern? Sinkt oder steigt die Bearbeitungszeit von BU-Anträgen? Die Ratingagentur Franke und Bornberg hat die Regulierungspraxis von BU-Versicherern untersucht und löst auch einen Methodenstreit aus.

Michael Franke

Franke und Bornberg-Gesellschafter Michael Franke. Foto: Stefan Neuenhausen, Hannover

Die Ratingagentur Franke und Bornberg hat erneut die Regulierungspraxis von Berufsunfähigkeitsversicherern untersucht. Den Ergebnissen zufolge fallen drei von vier Leistungsentscheidungen (75,7 Prozent; Vorjahr: 75,3 Prozent) zu Gunsten der Kunden aus. Allerdings sind BU-Anträge, die von den Versicherten nicht weiterverfolgt oder zurückgezogen werden, nicht in diesen Werten enthalten.
Auch über die Anerkenntnisse einer Berufsunfähigkeit gibt die Analyse Auskunft:

  • 86,5 Prozent der Anerkenntnisse erfolgten bedingungsgemäß (Vorjahr: 86,6 Prozent).
  • Eine individuelle Vereinbarung war in 10,9 Prozent der anerkannten BU-Fälle Basis einer Leistung (Vorjahr: 10,6 Prozent).
  • 2,6 Prozent der Anerkenntnisse erfolgte vor Gericht (Vorjahr: 2,7 Prozent).

 

 

Ablehnungen: leichte Verschlechterung aus Kundensicht

Hauptablehnungsgrund bleibt, dass der vereinbarte BU-Grad (i.d.R. 50 Prozent) aus Sicht der Versicherer nicht erreicht wurde. Eine leichte Verschlechterung aus Kundensicht ist bei den Werten für Anfechtungen und Rücktritte zu erkennen: Lag der Vorjahreswert noch bei 26,7 Prozent, beträgt er nun 30,6 Prozent.

Vermittler und Unternehmen sollten noch deutlicher als bisher auf die Rechtsfolgen falscher Angaben im Antrag hinweisen als bisher, so Franke und Bornberg. Das Ratingunternehmen rät dazu, Rückfragen bei Ärzten mindestens stichprobenartig durchzuführen. Das Anfordern der Patientenakte offenbart in einigen Fällen auch ein besonderes Ärgernis, das bereist bundesweit für Schlagzeilen sorgte: Die sogenannten Abrechnungsdiagnosen. Dabei werden ohne Wissen des Patienten Diagnosen allein zu Abrechnungszwecken erstellt. Kommt es bei einem solchen Patienten zu einem BU-Leistungsfall steht schnell der Verdacht einer Anzeigepflichtverletzung im Raum.

Kunden mit Leistungsbeantragung überfordert

Der hohe Anteil nicht mehr verfolgter Anträge lässt den Schluss zu, dass die Kunden oft mit den Fragebögen bei der Leistungsbeantragung überfordert sind. Umorganisation sowie konkrete und abstrakte Verweisung (2,5 Prozent; Vorjahr 2,7 Prozent) spielen hingegen kaum eine Rolle. Michael Franke (Geschäftsführer Franke und Bornberg) hat neben der Überforderung beim Leistungsantrag ein weiteres Problem bei der Beantragung von BU-Leistungen festgestellt: "Ärzte und Versicherer [müssen] die gesundheits- und tätigkeitsbezogene 50 Prozent-Schwelle oft ohne genaue Kenntnis der individuellen beruflichen Situation ermitteln. Hier liegt ein systemimmanentes Problem der BU."

Gutachten kein Massenphänomen

Ein Vorwurf an BU-Versicherer lautet, dass sie durch Anforderung immer neuer Gutachten die Bearbeitung von Leitungsfällen verzögern. Allerdings - so die Untersuchung - werden Gutachten nur in 6 Prozent der Fälle in Auftrag gegeben (Vorjahr: 5,2 Prozent). Gutachten werden besonders häufig bei psychischen Erkrankungen eingeholt. Laut Franke und Bornberg sind sie für 57 Prozent der Gutachten verantwortlich - Tendenz steigend. Werden Gutachten angefordert, steigt aber die Bearbeitungszeit für den BU-Antrag. Vom Tag der Beauftragung bis zum Eingang des Gutachtens vergehen durchschnittlich 90 Tage; bei psychiatrischen Gutachten sind es sogar 101 Tage.

BU-Leistung: Wie richtig messen?

Die Untersuchung von Franke und Bornberg kommt zu etwas anderen Ergebnissen als eine Auswertung, die PremiumCircle vor Kurzem vorlegte. Franke dazu: "Anders als die üblichen Befragungen verlassen wir uns nicht allein auf Antworten der Gesellschaften. Wir haben den Anspruch, alle Daten bei den Versicherern vor Ort zu überprüfen. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass wir alle Unternehmen auf einheitliche Messgrößen hin untersuchen. Nur so sind nachvollziehbare und konsistente Ergebnisse möglich, denn es gibt hinsichtlich wichtiger Kennzahlen noch immer keine Standards. So werden beispielsweise Bearbeitungszeiten oder Ablehnungsquoten unternehmensindividuell sehr unterschiedlich definiert. Das erkennt nur, wer sich nicht allein auf einen Fragebogen verlässt. Zudem beeinflussen die Bestands- und Neugeschäftsstrukturen einige Kenngrößen." Um die Unternehmensangaben zu verifizieren, erhebt Franke und Bornberg Stichproben vor Ort: Je Versicherer wurden mindestens 125 Leistungsfälle ausgewertet.

Zur Studie

Untersucht wurden AachenMünchener, ERGO, HDI, Nürnberger, Stuttgarter, Swiss Life sowie Zurich Deutscher Herold. Sie verwalten mit 4,57 Millionen Stück einen maßgeblichen Anteil aller BU-Verträge in Deutschland und stehen für knapp 50 Prozent aller Leistungsfälle. Die Daten (Stand 2016) für die BU-Leistungsstudie 2018 wurden im November und Dezember 2017 erhoben.

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