Niederlande: "Die Krankenversicherung bezahlt hier alles"

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Die Debatte um die Bürgerversicherung bleibt spannend. Könnte das niederländische Gesundheitssystem als Vorbild für Deutschland dienen? Das Wissenschaftliche Institut der PKV hält mit Zahlen dagegen. Wie die Gesundheitskosten im Nachbarland gestiegen sind.

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Idylle im niederländischen Gesundheitswesen? Das WIP hält mit Zahlen dagegen. Bild: pixabay /EvgeniT

Die Bürgerversicherung bleibt Reizthema. So wollte das ARD-Magazin "Kontraste" bereits im Januar Fake-News der Privaten Krankenversicherungen aufgedeckt haben. Das Magazin besuchte einen Arzt auf der Nordseeinsel Spiekeroog, der in einem Werbevideo für den PKV-Verband gesagt hat, er müsse seine Praxis schließen, wenn die Bürgerversicherung kommt. Im Beitrag gesteht der Arzt ein, dass er auch mit der gesetzlichen Kasse und ohne Private Krankenversicherer wirtschaftlich überleben könne. "Kontraste" rechnet vor, was der Arzt zusätzlich zu den Honoraren für seine Praxis von der gesetzlichen Krankenversicherung erhält:

  • Praxiszulage (einzige Praxis vor Ort): ca. 80.000 Euro / Jahr
  • 40 Euro/ Bereitschaftsstunde außerhalb der Sprechzeiten: ca. 18.000 Euro/ Monat

"Es wird kein Praxissterben geben"

Damit sieht "Kontraste" das Argument, dass die Privaten Krankenversicherung die Existenz von privaten Arztpraxen (mit)sichert, als widerlegt an und lässt einen weiteren Arzt dafür sprechen. So sagt Michael Janßen, vom Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ): "Es wird kein Praxissterben geben. Das ist wirklich Unsinn. Die Mehrheit der Praxen in Deutschland lebt von Kassenpatienten und den Einnahmen über die Kassenleistungen. Das ist jetzt schon so. Und die Mehrheit ist nicht angewiesen auf private Einnahmen. Und das wird auch weiter so bleiben. Und der durchschnittliche Gewinn nach Abzug der Praxiskosten in Deutschland von einem Praxisarzt beträgt immerhin 160.000 Euro."

Doch diese Aussagen sprechen überhaupt nicht gegen die Private Krankenversicherung. Allenfalls können sie als Beleg dafür angesehen werden, dass nicht jedes Argument, das in der Debatte um Bürgerversicherung Anwendung findet, auch sachgerecht ist.

Niederlande: "Die Krankenversicherung bezahlt hier alles"

Ein weiteres Argument der Gegner der Bürgerversicherung ist das Nicht-Funktionieren von ähnlichen Modellen in anderen Ländern. Als Negativbeispiel werde oft auf die Niederlande verwiesen. Um dieses Argument zu überprüfen, reiste die "Kontraste"-Redaktion nach Rotterdam und fragte beim Klinikdirektor Prof. Ernst Kuipers (Erasmus Medical Center) nach. "Ich kenne die Diskussion und diese Behauptungen. Ich denke aber, dass das niederländische Gesundheitssystem sehr gut mit dem deutschen mithalten kann. In den letzten zehn Jahren lagen wir in einem unabhängigen EU-Ranking immer vor Deutschland", so Kuipers im Beitrag. Dort heißt es weiter, dass die Niederländer niedrigere Beiträge als die Deutschen zahlen würden. Trotzdem seien die Leistungen umfänglich: "Die Krankenversicherung hier bezahlt alles, was die Patienten brauchen - vom Hausarzt bis zur Herztransplantation. Das bedeutet: Wenn ein Patient sehr teure Medikamente oder aufwändige Operationen braucht, muss der Arzt hier nie danach fragen, welche Versicherung der Patient hat - die Versicherung deckt alles ab", so Prof. Kuipers.

Niederlande: Kosten durch Einheitssystem gestiegen

Dass damit ein Kostenanstieg verbunden ist, erfährt der "Kontraste"-Zuschauer aber nicht. Wie hoch dieser Kostenanstieg ausfiel, zeigt eine Analyse vom Wissenschaftlichen Institut der PKV (WIP). So stieg z.B. die Beitragsbemessungsgrenze (BBG) seit Einführung des einheitlichen Krankenversicherungssystems (2006) um 79 Prozent auf 53.701 Euro pro Jahr (2017). In Deutschland betrug die Zuwachsrate der BBG im selben Zeitraum 22 Prozent. Auch die durchschnittliche Pauschalprämie stieg seit 2006 um 28 Prozent auf 1.353 Euro pro Jahr. Hinzukommen die verpflichtenden Selbstbehalte, die von den Versicherten zu tragen sind. Sie kletterten um 133 Prozent auf 385 Euro jährlich, so die Auswertung des WIP.

Laut WIP tauge die niederländische Gesundheitsreform von 2006 auch deshalb nicht als Vorbild für Deutschland, weil die private Krankenversicherung in den Niederlanden im Gegensatz zu den deutschen Versicherern keine kapitalgedeckten Alterungsrückstellungen aufgebaut hatte und sich damit die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen von vornherein weniger unterschieden als hierzulande.

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