Lebensversicherung: Garantien bleiben gefragt

Versicherungen von Hennig Kühl

Niedrigzins, Regulierung und Kostendruck: Die deutschen Lebensversicherer sind nicht zu beneiden. Allein auf Klassik zu setzen, hat keine Zukunft, findet Hennig Kühl (Policen direkt). Doch auch neu-konzipierte Produkte bergen Risiken. Welche das sein können, erläutert der Aktuar im Gastbeitrag.

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Hennig Kühl, Chefaktuar von Policen-Direkt, zur aktuellen Situation in der LV-Branche. Bild: PolicenDirekt

Der Kunde hat gesprochen: Garantien sind in der Lebensversicherung weiter gefragt. Lebensversicherer reagieren darauf mit Produkten mit modifizierten Garantien. Die Herausforderungen für Verbraucher wie Vermittler liegen hier auf der Hand: Es wird schwerer, sich in der heterogenen Produktlandschaft zurechtzufinden.

Neugeschäft bleibt konstant

Die Lage ist ernst für deutsche Lebensversicherer und wird sich weiter verschärfen, wie unsere Analyse der Ertragslage zeigt: niedrige Zinsen, strenge gesetzliche Regeln und Kostendruck durch Modernisierung der Verwaltung fordern die Manager. Sie müssen die teils unbezahlbar teuer gewordenen Garantien reduzieren und gleichzeitig die Kunden überzeugen, in Vorsorgeprodukte einzubezahlen, die weniger klare Sicherheiten bringen. Das scheint zu gelingen: Im vergangenen Jahr konnten die deutschen Lebensversicherer ihr Neugeschäft mit 90,7 Mrd. Euro weitgehend konstant halten. Garantieprodukte machen immer noch 90 Prozent des Neugeschäftes aus. Die aktuell vom GDV gemeldeten Zahlen zeigen, dass es zahlreiche Versicherer gibt, die weiter erfolgreich Garantien anbieten können. Die gute Nachricht darüber hinaus: Diese Unternehmen haben viele Kunden mit neuen Produkten überzeugt.

Rendite vs. Sicherheit?

Die neuen Produkte mit modifizierten Garantien machen jetzt 50 Prozent des Neugeschäftes aus (2016: 46%). Reine klassische Produkte liegen bei 40 Prozent (2016: 49%). Das Verbraucherurteil ist damit klar: Den Vorsorgesparern geht es neben der Rendite um Planungssicherheit für das Rentenalter. Wer sich frei für zusätzliche Vorsorge entscheiden kann, hält die Lebensversicherung damit weiter für die bessere Alternative. Inwieweit die neuen Policen für den Zweitmarkt von Relevanz sein werden, ist aktuell noch nicht absehbar. Wer erfolgreich neue Produkte anbietet, zeigt damit seine nachhaltige Ausrichtung: vieles deutet darauf hin, dass diese Versicherer auch in Zukunft stark sein werden und ihre Garantieverpflichtungen weiter erfüllen können - ein wichtiges Signal für den Zweitmarkt.

Die aktuellen Überschussbeteiligungen (siehe auch: procontra-LV-Check) belegen aber auch die Attraktivität klassischer Lebensversicherungen. Mit einer durchschnittlichen laufenden Verzinsung von rund 2,35 Prozent - auch für Neukunden - bleibt das Produkt aus Kundensicht attraktiv. Gleich mehrere Versicherer können ihre Überschussbeteiligung bei 2,7 oder 2,8 Prozent halten. Bei Versicherern, die beides im Programm haben, ist die Überschussbeteiligung bei der neuen Klassik aus Gründen der Gleichbehandlung (§138 VAG) höher. Wer jetzt seine Verzinsung konstant hält und auch bei den Schlussüberschüssen keinen Abstrich machen muss, zeigt sich aktuell als finanzstarker Versicherer. Ausschließlich auf die Klassik zu setzen, hat alleine aufgrund des immensen Kapitalbedarfs für die Unternehmen keine Zukunft mehr.

Produkte müssen verständlich bleiben

Aus Sicht der Unternehmen muss daher der Übergang zu den neuen Produkten weiter forciert werden. Hier besteht aber die Gefahr, dass sich potenzielle Kunden komplett aus der privaten Altersvorsorge zurückziehen, weil sie die neuen Produkte nicht durchschauen oder sie ihnen zu wenig Sicherheit bieten. Die Herausforderung an den Vermittler ist damit klar: Er muss seinen Kunden mit immer anspruchsvolleren Produktvergleichen versorgen. Im direkten Austausch müssen Produkte gefunden werden, die den tatsächlichen Bedürfnissen und der Risikobereitschaft des Kunden entsprechen. Das bietet der Vermittlerschaft einerseits Chancen, birgt aber auch Gefahren.

Mit einem fundierten und geschulten Marktüberblick winkt gutes Geschäft. Angesichts der erheblichen Dokumentations- und Beratungspflichten drohen Haftungsrisiken durch mögliche Falschberatung.

Zum Autor:
Henning Kühl, Chefaktuar der Policen-Direkt-Gruppe. Der Diplom-Versicherungsmathematiker ist Mitglied der Deutschen Aktuarvereinigung DAV und seit 2005 bei Policen Direkt verantwortlich für die Bewertung von Lebensversicherungen. Jährlich prüft er mehrere Tausend Verträge. Policen Direkt ist Marktführer im Ankauf deutscher Lebensversicherungen und führender Anbieter für Investments in Zweitmarktpolicen.

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