Finanzausschuss plant "Komplettbewertung der Versicherungsbranche"

Berater Top News von Michael Fiedler

Run-off, Niedrigzinsen und crashende Lebensversicherungen - ein Themenmix, der Aufregung verspricht. Das konnte die ARD-Sendung "hart aber fair" auch liefern. Doch Aufklärung blieb Mangelware. Bis auf eine Ankündigung von CDU-Fraktionsvize Ralph Brinkhaus, kommentiert procontra-Redakteur Michael Fiedler.

LVRG Lebensversicherung Aufsicht BaFin Regulierung Altersvorsorge

Wie sicher ist die Altersvorsorge und welche Wirkung hat die Run-off-Debatte auf Versicherte? Diese Fragen stellte Frank Plasberg in der Sendung "hart aber fair" Bild: Screenshot Youtube

Droht deutschen Lebensversicherungen ein Crash? Welche Auswirkungen hat die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank und wie können Verbraucher sichere Altersvorsorge betreiben? Das war das Themenfeld, um das die Diskussion bei der ARD-Sendung "hart aber fair" kreisen sollte.
Eingeladen waren Anja Kohl, ARD-Börsenexpertin, Ulrich Schneider (Paritätische), Sven Enger (ehemals Standard Life), der gerade ein Buch über die Branche veröffentlichte, Ralph Brinkhaus, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Finanzexperte der CDU und Dr. Peter Schwark (GDV).

Kohl wie aufgedreht

Fachliche Aufreger hatte die Sendung einige. So sprach Börsenexpertin Anja Kohl hochemotional davon, dass Versicherungsnehmer bei Run-off-Modellen Investoren "ausgeliefert" würden. Dass die BaFin auch nach einem Run-off weiterhin das Aufsichtsregime über die Bestände inne hat, interessierte sie ebenso wenig wie die genauen Zahlen der betroffenen Verträge. Dass die Ergo inzwischen vom externen Run-off Abstand nimmt, hatte sich noch nicht zu Anja Kohl herumgesprochen.
CDU-Mann Brinkhaus - sichtlich um Ausgleich zwischen den Positionen (Crash der Lebensversicherungen vs. Panikmache) bemüht, verwies darauf, dass die Versicherer mit dem Verkauf der Verträge das ohnehin angekratzte Vertrauen der Versicherten in die Versicherungsbranche weiter schwächen würden. Eine gefährliche Situation: Denn zusätzliche private Altersvorsorge bleibt auch in Zukunft nötig. Versicherte dürften nicht weiter verunsichert werden. Er plädierte für offene, klare Kommunikation zwischen Versicherern, Vermittlern und Versicherungsnehmern. 

Eine Empfehlung, der Makler unbedingt folgen sollten. Kundenabende zu den Auswirkungen der Niedrigzinsphase oder zu Fragen wie "Ist es ratsam, die bestehende Lebensversicherung zu kündigen" sollten Vermittler nach Möglichkeit anbieten und dazu z.B. auch Referenten von Pools einladen. 

Am interessantesten aus Sicht der Versicherungswirtschaft war ein Satz von Ralph Brinkhaus. Er verwies darauf, dass der Finanzausschuss des deutschen Bundestages eine "komplette Bewertung der Versicherungslandschaft" vorhabe. Diese "Komplett-Bewertung" könnte auch ältere Diskussionen - etwa um mangelhafte Vorsorge gegen Berufsunfähigkeit - wieder in den öffentlichen Fokus rücken. Auch Verschärfungen beim LVRG stehen an. 

Weniger ist mehr

Wirklich gehaltvoll war die Sendung - insbesondere für Menschen, die sich nicht täglich mit Versicherungen beschäftigen - nicht. Denn dafür wurden zu viele Themen miteinander vermischt: kapitalbildende Lebensversicherungen, Versicherungen mit Todesfall-Leistung, rückwirkende Erhebung von Sozialversicherungsbeiträgen bei bAV-Verträgen, Vertrauensverlust durch Run-off-Modelle und Staatsfonds zur Altersvorsorge. Jedes einzelne Themengebiet hätte eine eigene Diskussionsrunde verdient. Ein klarer Fokus auf ein Thema, das dann aus unterschiedlcihen Perspektiven beleuchtet wird, wäre der Sache gerechter geworden, als der Versuch, möglichst viele "Aufreger"-Themen in einer Sendung anzureißen. 

Schwierigkeiten für Vermittler

Vermittler werden nach der Sendung versuchen müssen, die verschiedenen Informationen zurechtzurücken. Hilfreich kann dabei der Faktencheck sein, den der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vorbereitet hat. Dieser hangelt sich argumentativ allerdings am Buch von Sven Enger entlang, der dadurch auch ein stückweit mehr Aufmerksamkeit erhält, als sein Buch eigentlich verdient.

Die vollständige Sendung auf Youtube:

 

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare