Welche Zukunft hat die Unfallversicherung?

Berater Top News von Florian Burghardt

Die private Unfallversicherung gilt als „Cash Cow“ für die Branche. Doch es wird schwieriger, die junge Generation dafür zu begeistern. Roland Roider, Vorstand der Haftpflichtkasse, über die richtige Beratung, neue Konzepte und Nachholbedarf bei der Marktabdeckung.

Nimmt Stellung zur Zukunft der Unfallversicherung: Haftpflichtkassen-Vorstand Roland Roider.

Nimmt Stellung zur Zukunft der Unfallversicherung: Haftpflichtkassen-Vorstand Roland Roider. Foto: Haftpflichtkasse

procontra: Vor etwa zehn Jahren hatte die private Unfallversicherung mit über 29 Millionen Verträgen ihren Höchststand. Heute sind es rund 3,5 Millionen weniger. Wie erklären Sie sich den Rückgang?

Roland Roider: Der Rückgang scheint faktisch vorhanden zu sein, hat aus meiner Sicht aber zu einem großen Teil andere Ursachen. Früher war es gängig, für jede versicherte Person einen Vertrag zu schließen. 2005 war der Anteil solcher Verträge entsprechend hoch. Wir haben seitdem aber eine zunehmende Tendenz zu Bündelverträgen, zum Beispiel als Familienunfallversicherung. Darin gibt es einen Versicherungsnehmer, aber beispielsweise drei oder vier versicherte Personen. Das ist sicher ein Grund dafür, warum die Anzahl der Verträge zurückgegangen ist. Die GDV-Statistik liefert schließlich die Anzahl der Verträge, nicht der versicherten Personen. Es mag aber sicher auch einiges dafür sprechen, dass die Unfallversicherung ein Stück weit an Bedeutung verloren hat. Das sehen wir auch daran, dass der Bestand seit Jahren bei rund 6,5 Milliarden Euro an Prämieneinnahmen stagniert. Deshalb spricht auch einiges dafür, dass auch die Anzahl der Risiken ein Stück weit zurückgegangen ist. Aber sicher nicht so signifikant, wie es nach der Anzahl der Verträge erscheint.

procontra: Eine sinkende Nachfrage nach der Unfallversicherung ist also schon erkennbar?

Roider: Dem Eindruck nach ist es sicher schwieriger geworden, die jüngere Generation für das Produkt Unfallversicherung anzusprechen. Das Interesse lässt spürbar nach. Man könnte auch sagen, es ist uns als Branche nicht gelungen, die Unfallversicherung als notwendiges und sinnvolles Produkt auch für die junge Generation in den Vordergrund zu stellen.

procontra: Wie zeitgemäß ist dann der klassische Unfallschutz noch?

Roider: Aus meiner Sicht ist es keine Frage von „zeitgemäß sein“, weil das Produkt nach wie vor eine Existenzberechtigung hat. Aus meiner Sicht ist es sogar notwendiger als vorher, weil die Verpflichtung zur Eigenvorsorge stärker betont wird als früher. Die Unfallversicherung ist außerdem immer ein Produkt gewesen, das in Ergänzung zu den biometrischen Risiken gesehen wird, beispielsweise auch im Kontext der Berufsunfähigkeitsversicherung. Bei einer Querschnittlähmung muss beispielsweise Barrierefreiheit im Haus hergestellt werden. Solche Risiken deckt die Unfallversicherung durch ihre Kapitalleistung weiterhin sinnvoll ab. Deshalb hat das Produkt aus meiner Sicht dieselbe Attraktivität, die es auch vor zehn Jahren besessen hat.

procontra: Welche Alternativen haben sich in den letzten Jahren hervorgetan?

Roider: Es gibt unterschiedliche Spielarten auf dem Markt. Etwa die Funktionsinvaliditätsversicherung, die zum Teil Dread-Disease-Elemente mitversichert. Das hat ja mit dem klassischen Unfallbegriff – plötzlich von außen auf den Körper einwirkend – nichts mehr zu tun. Somit versichern wir bereits Krankheiten. Das könnte auch daher kommen, dass manche Berufsgruppen in der Berufsunfähigkeitsversicherung nicht mehr so versicherbar sind, wie sie es in der Vergangenheit waren, soll heißen für günstigere Beiträge. Damit haben sich vielleicht auch manche Leistungen in das Unfallsegment hinein verlagert.

procontra: Und wie hat sich die klassische Unfallpolice weiterentwickelt?  

Roider: In der klassischen Unfallversicherung hat in den letzten Jahren eine Entwicklung durch sukzessive Leistungsverbesserungen stattgefunden. Diese hat ihren originären Grund im stattfindenden Wettbewerb am Markt. Ich denke, dass vor allem die Makler-Versicherer immer an vorderster Front standen, wenn es um Leistungsverbesserungen ging. Das zeigt sich auch, wenn man die Combined Ratio in der Unfallversicherung betrachtet. Diese liegt zwar insgesamt bei 80 Prozent und zeugt somit von einem hochrentablen Produkt für die Anbieter. In dieser Statistik gibt es aber auch 21 Unfallversicherer, die einen versicherungstechnischen Verlust verzeichnen mussten. Wir haben hier eigentlich einen gesplitteten Markt. Einerseits die Ausschließlichkeitsversicherer, die Unfallversicherungen regelmäßig zu höheren Prämien oder mit geringeren Leistungen anbieten. Dabei muss man auch berücksichtigen, dass zum Beispiel die Allianz gut 20 Prozent Marktanteil in der Unfallversicherung besitzt. Deren Ausschließlichkeitsvertrieb bietet Unfallversicherungen zu deutlich anderen Prämien an, als es im Maklermarkt der Fall ist. Die Makler hingegen haben es mit einem sehr intensiven Wettbewerb auf Prämien- wie auch auf Leistungsseite zu tun. Deshalb sind die Leistungsverbesserungen hier auch sukzessive eingetreten.

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Seite 3: Welchen Stellenwert haben Unfallversicherungen für Makler?

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