„Goldpreisanstieg wäre ein klarer Krisenindikator“

Sachwerte Top News von Julia Groth

Gold- und Silber-Investoren sollten nicht darauf hoffen sollten, dass die Preise der beiden Edelmetalle in der kommenden Dekade steigen. Warum das so ist, erklärt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank, im Interview.

Commerzbank, Gold Goldpreis Investment Sachwerte

Sieht in steigenden Goldpreisen einen Kriseninidikator: Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank. Bild: Commerzbank

procontra: Gold-Fans prophezeien immer wieder, dass der Preis des Edelmetalls dereinst die Marke von 2.000 US-Dollar je Feinunze überspringen wird. So hoch stieg der Goldkurs aber nicht einmal in der Finanzkrise. Könnte die Marke in der kommenden Dekade fallen?

Eugen Weinberg: Im Zuge der Finanzkrise hat der Goldpreis deutlich zugelegt. Vorher lag er bei rund 700 US-Dollar je Feinunze, bis zum Jahr 2012 kletterte er über 1900 Dollar. Wie hoch der Preis künftig liegen wird, hängt vor allem von Finanzmarktfaktoren und von der Stimmung an den Märkten ab. Wir sollten allerdings hoffen, dass er in den kommenden zehn Jahren keine neuen Höchststände erreicht.

procontra: Was wäre denn so schlimm an einem weiteren Preisanstieg?

Weinberg: Er würde bedeuten, dass es womöglich eine neue Finanz- und Wirtschaftskrise gibt – oder dass die Inflation in die Höhe geschnellt ist. Krisen und Inflation sind die einzigen Faktoren, die den Goldpreis vom heutigen Niveau aus substanziell steigen lassen würden. Wenn sich die globale Konjunktur weiterhin so gut entwickelt wie bisher, wenn die Zinsen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa steigen und die Inflation niedrig bleibt, dann dürfte der Goldpreis dagegen in den kommenden Jahren eher sinken. Er ist ein ganz klarer Krisenindikator. Gold ist mithin ein völlig anderes Investment als etwa Aktien oder Anleihen. Man sollte es kaufen, aber nicht in der Hoffnung auf stark steigende Preise. Denn diese würden eine massive Zunahme an Problemen und eine gestiegene Risikowahrnehmung signalisieren. Ein solches Szenario wäre für Investoren, die ja in der Regel nicht nur Gold in ihrem Portfolio haben, ziemlich unangenehm.

procontra: Zuletzt sind rund um den Globus viele politische Krisen aufgeflammt, ohne dass der Goldpreis reagiert hätte. Nutzen Investoren Gold überhaupt noch im selben Ausmaß wie früher als sicheren Hafen?

Weinberg: In Krisen, die nicht nur von den Medien ausgerufen, sondern auch von den Finanzmärkten als solche identifiziert wurden, hat der Goldpreis bislang immer zugelegt. Denken Sie etwa an das Jahr 2016, als sich Investoren weltweit um die Wirtschaftslage in China sorgten. Da ging es fürs Gold deutlich nach oben. Immer, wenn nicht nur das Wort „Krise“ fällt, sondern die Aktien- und Anleihemärkte auch tatsächlich reagieren, bewegt sich der Goldpreis aufwärts. An dieser Dynamik wird sich nichts ändern. Wenn Anleger Sicherheit suchen, kaufen sie Gold. Dabei spielt das Angebot überhaupt keine Rolle, anders als etwa bei Kupfer oder Öl.

procontra: Wie kommt das?

Weinberg: Gold ist ein Anlagemetall. Es ist nicht knapp wie die meisten anderen Rohstoffe, deren Wert sich aus dieser Knappheit ableitet. Gold wird ja nicht verbraucht, sondern höchstens von Schmuckproduzenten oder Raffinerien in eine schönere Form gebracht. Und es kommt Jahr für Jahr mehr Gold auf den Markt. Daher bestimmt nicht etwa das Minenangebot den Preis. Sondern dieser hängt vor allen von finanzmarkttechnischen Faktoren ab, die wiederum die Nachfrage der Anleger beeinflussen.

procontra: Gilt das auch für Silber, das oft als „kleiner Bruder“ von Gold bezeichnet wird?

Weinberg: Das ist genau die richtige Bezeichnung. Es fällt zwar auf den ersten Blick schwer, das zu verstehen. Silber kommt ja im Gegensatz zu Gold vor allem in der Industrie zum Einsatz und sollte aus fundamentaler Sicht eher mit Kupfer zu vergleichen sein als mit Gold. Der Preisverlauf der beiden Edelmetalle zeigt allerdings, dass sich Silber zumindest mittelfristig wie ein kleiner Bruder von Gold verhalten, sich also ähnlich entwickelt hat.

procontra: Warum ist das so?

Weinberg: Offensichtlich hat die Anlegernachfrage die höchste Dynamik, das heißt sie steigt und fällt schneller als die Nachfrage aus anderen Anwendungsbereichen. Somit bestimmt sie maßgeblich den Preis. Ich gehe davon aus, dass sich diese Entwicklung in Zukunft noch verstärkt, sodass auch Silber zu einem Anlagemetall mutiert. Mittelfristig könnten die treibenden Faktoren aber auch aus anderen Bereichen kommen, etwa aus der Batterietechnik oder der Medizin.

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare