Amazon: „Der Angriff kommt durch die Hintertür“

Top News Digital von Michael Fiedler

Wie könnte Amazon bei seinem Eintritt in den Versicherungsmarkt vorgehen? Das erklärt Fynn Monshausen, Head of Digital Sales bei Roland, im Interview mit procontra.

Amazon Insurance Versicherung Digitalisierung

Der "Angriff Amazons" auf die Versicherungsbranche kommt durch die Hintertür. (Symbolbild) Fotolia /Root-Couture

procontra: Herr Monshausen, auf der FinTechWeek in Hamburg haben Sie bereits über den Eintritt von Amazon in den Versicherungsmarkt gesprochen. Wie kamen Sie zu der Einschätzung?

Fynn Monshausen: Vor ein paar Wochen habe ich erstmalig mitbekommen, dass Freunde von mir Kontakt zu Headhuntern hatten, die im Auftrag von Amazon gezielt Leute für Versicherungsthemen - insbesondere im Bereich Business Development - gesucht haben. Nebst diesen wurden aber auch andere Profile gescoutet, die ganz klare Bezüge zur eigentlichen Risikogestaltung haben. Da liegt es ja irgendwie auch auf der Hand, dass Amazon keine Data Science oder Tech-Entwickler suchen müssen, um im Versicherungsgeschäft einzusteigen.

procontra: War das ihr Einstieg in die Beschäftigung mit Amazon und Online-Handel?

Monshausen: Ich hatte mich im Februar 2016 bereits in Rahmen eines Design Thinking Workshops zum Thema Online-Einkauf und den daraus resultierenden rechtlichen Risiken mit Kollegen tiefergehend zur Rolle der Plattformen ausgetauscht. Dabei ergab sich der folgende Diskurs: Warum sollten Menschen sich beim Kauf von Waren/Dienstleistungen auf Internetplattformen überhaupt noch absichern, wenn die Plattformen die Anbieter/Produzenten bei nicht kulantem Verhalten sowieso mahnen und im Härtefall ausschliessen. Darüber hinaus muss man sich fragen, welche Risiken dann im digitalen Handel überhaupt noch bleiben und vor allen Dingen wie die Kunden diese wahrnehmen und sichern wollen.

procontra: Und welche Antwort geben die Online-Versandhäuser darauf?

Monshausen: Sie bauen ihr Service-Portfolio aus. Dieses führt zu einer weitreichenden Abdeckung der Wertschöpfungskette, also von Suche, Interesse, Kauf, Retour etc. Das Ergebnis sind annähernd unbegrenzte Datenmengen. Alibaba, das in Asien aktive Pendant zu Amazon, sammelt mehr als 8.000 dieser Datenpunkte seiner Kunden und kann daraus Verhaltensprofile bilden und genau diese dienen auch bei Amazon dazu, dass weitere Wünsche des Menschen antizipiert werden. Dieses Wissen lässt sich ideal auf Versicherungen übertragen, aber dabei gilt es anders zu denken, als wir Versicherer es tun. Wir erwarten den Angriff der Plattformen auf unsere klassischen Produkte, aber genau dort wird er erst in zweiter Instanz kommen, sozusagen durch die Hintertür.

procontra: In welchen Schritten werden die Online-Händler Ihrer Meinung nach vorgehen?

Monshausen: Es gilt dabei, auf die asiatischen Vorreiter wie Zhong An zu schauen. Diese haben sich in erster Linie auf Policen konzentriert, die kleinteilig sind und als Annex-Produkte auf den eCommerce und Kommunikations-Plattformen Alibaba, Tencent und Wechat vertrieben werden können. Das wäre der erste Schritt. Auch bei Amazon werden zuerst die Produkte folgen, die die Wertschöpfungskette des Handels verlängern und diese sinnvoll im Kundeninteresse unterstützen. Mein Beispiel dazu hatte Herr Feyler ja bereits genannt. Es wird darum gehen, dass der Lebenszyklus von Produkten bis zum Ende konsequent mit Daten unterstützt wird. Wer also z.B. einen Laptop oder ein neues Fahrrad kauft, könnte dann durch eine inkludierte Hausratversicherung beim Kauf bei Amazon gänzlich mehr Convenience erleben. Dann ist nicht nur die Logistik, sondern auch der Produktlebenszyklus abgedeckt. Geht dann einmal etwas kaputt oder verloren, erhält Amazon auch diese Daten zum Schaden/Verlust und kann direkt das zu erneuernde Produkt anbieten. Nebenbei lernt Amazon mehr über den Nutzer und sein Verhalten. Ein ähnliches Modell sehen wir an verschiedenen Stellen wie z.B. bei der Übernahme von Aboalarm. Meiner Meinung nach eine sehr kluge Investition, die dem Kunden mehr Einfachheit ermöglicht.

procontra: Versicherungen werden durch Annexgeschäft kaputt gemacht?

Monshausen: Das Annexgeschäft wird aber nur der erste Schritt sein und höhlt margenstarke Versicherungen aus, während der Nutzer bei mehr Convenience sein Sicherheitsbedürfnis befriedigt. Das treibt möglicherweise ganz von allein die Absätze des eigentlichen Produktes. Versicherungen werden also nicht in ihrem klassischen Feld attackiert, sondern durch produkt- bzw. nutzerzentrierte Lösungen teilweise obsolet gemacht. Danach folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit die individuelle Preisfindung, wir sprechen hier von dynamischen Preisen. Diese verwenden die gegebenen Datenpunkte, um genauer festzustellen, welcher Preis adäquat im Verhältnis zum Risikoinhaber und nicht zum standardisierten Risiko steht. Anhand besagter Datenpunkte lässt sich dann auch feststellen, welche Personen besser direkt eine längerfristige und welche eine situative Lösung angeboten bekommen sollten.

procontra: Welche Bereiche wird das besonders treffen?

Monshausen: Auf Versicherungen wird sich das besonders schlimm in den Wachstumsmärkten niederschlagen: Kurzzeitversicherungen, Ausschnittsdeckungen, On-Demand Angebote etc. und dort werden wir nur einige wenige Versicherer sehen die sich durchsetzen und sicherlich auch Amazon. Spätestens seit Amazon Prime, der Kombination des video-on-demand Angebotes mit den dazu zusammenhängenden Handelsvorteilen bei der Lieferung von Waren ist klar, dass Ökosysteme sich thematisch leicht abstrahieren können und dabei den Kunden mitnehmen.

procontra: Was bedeutet das für die klassische Versicherungsbranche?

Monshausen: In den klassischen Produktmärkten glaube ich indes an eine lineare Entwicklung und eine damit einhergehende Konsolidierung der aktuellen Versicherungswelt. Dieser Prozess wird maßgeblich durch die Demographie beschleunigt und die jüngeren Generationen werden unter Sicherheit etwas ganz Anderes verstehen, als wir uns das heute vorstellen können.

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