Berufsunfähigkeitsversicherung: Sind wenige Gesundheitsfragen wirklich verbraucherfreundlich?

Berater Top News von Frank Dietrich

Vorerkrankungen führen häufig zum Ausschlüssen oder verteuern den BU-Vertrag. Stellen Anbieter also wenig Gesundheitsfragen, sind sie besonders verbraucherfreundlich? Nein, kommentiert Fachmakler Frank Dietrich und pflichtet damit seinem Kollegen Matthias Helberg bei.

Frank Dietrich Berufsunfähikeitsversicherung

Die Vermittlung von Berufsunfähigkeitsversicherungen ist Spezialisten-Sache, so Fachmakler Frank Dietrich. Bild: procontra

In seinem Blog-Beitrag beklagt BU-Spezialist Matthias Helberg den Umgang der Versicherer mit den Gesundheitsangaben gegenüber den zeitlichen Begrenzungen im Versicherungsvertragsgesetz (VVG). Mit dem VVG wollte der Gesetzgeber dafür sorgen, dass das Risiko einer Fehleinschätzung, ob ein Umstand gefahrrelevant ist, nicht mehr beim Versicherungsnehmer liegt.
Helberg führt aus, dass dem nicht so ist und zeigt, dass sich manch Versicherer der Leistungspflicht entziehen will, wenn der Kunde an Vorerkrankungen litt, die aber gar nicht in den Gesundheitsfragen abgefragt wurden.
Die Änderungen des VVG sind in Bezug auf Gesundheitsfragen und unter Berücksichtigung der Rechtsprechung nicht abschließend. Das kann so nicht sein oder bleiben. Klarheit sollte nicht nur in den Versicherungsbedingungen herrschen, sondern auch der Weg, Versicherungsschutz zu beantragen, sollte nachvollziehbar sein. Eindeutig.

Fragezeiträume existieren eigentlich nicht

Aktuelle Gespräche mit Leistungsprüfern belegen, dass die Fragezeiträume als relativ einzuschätzen sind. Warum? Ich möchte meine Aussage in einem Beispiel verdeutlichen. Während einer Weiterbildungsmaßnahme eines BU-Versicherers stellte ich provokativ die Frage, ob die anwesenden Herrschaften der Meinung wären, einen Bandscheibenvorfall, der vor 13 Jahren stattgefunden hat und seitdem beschwerde- und behandlungsfrei ist, angeben zu müssen. Die einstimmige Meinung lautete nein. Das ist falsch.
Stellen wir uns den Leistungsfall vor und stellen wir uns vor, dass der Versicherte aufgrund eines Rückenleidens berufsunfähig wird. Während der Prüfung kommt auch der alte Bandscheibenvorfall zur Sprache. Die Leistungsprüfer stellen sich auf den Standpunkt, dass ein Bandscheibenvorfall niemals ausheilt. Aus diesem Grunde gehört er in den Antrag, wenn auch nicht erfragt. Wo also beginnen die Gesundheitsfragen und wo enden sie zeitlich?

Verträge mit wenig Gesundheitsfragen: Tretmine!

Mit der Einführung des neuen VVG hörte sich alles gut an. Es sah gut aus, hatte aber nicht die erwünschte Wirkung. Noch immer sind Vermittler und Kunde mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, zu beurteilen, was gefahrerheblich ist und was nicht. Das von Matthias Helberg in seinem Blogbeitrag zitierte Urteil (LG Heidelberg; 2 O 90/16) belegt das. Damit werden so ziemlich alle Anträge, insbesondere die mit geringen Gesundheitsfragen, zur Tretmine. Diese Angebote suggerieren eine Besserstellung gegenüber den Anträgen ohne verringerte Gesundheitsfragen.

In einem anderen Beispiel erwähnte der Kunde ganz nebenbei eine gewisse Morgensteifigkeit. Eine gewisse Wetteranfälligkeit, als auch das Gefühl von Muskelkater hätte er hin und wieder. Auch diese Angaben erscheinen nicht als relevant, sind aber die Grundlage einer möglicherweise später auftretenden Fibromyalgie. Auch sind leichte Bewegungseinschränkungen in der subjektiven Wahrnehmung nicht immer wichtig, können aber auf ein Sicca-Syndrom hinweisen. Berichtet der Kunde später im Leistungsfall von diesen Einschränkungen, so hat es den Vertrag wahrscheinlich die längste Zeit gegeben.

Treu und Glauben

Recherchiert man den Begriff „Treu und Glauben“, so trifft man auf die Definition eines unbestimmten Rechtsbegriffes. Aus römischen Recht resultierend bezeichnet er das Verhalten eines Menschen, der redlich und anständig handelt.
Hat ein Antragsteller, wenn er die gestellten Fragen ordentlich und vollständig beantwortet, nicht redlich und anständig gehandelt? Ich denke schon. Es ist wie mit der Schadensminderungspflicht, die sehr gerne in Vertragstexten der Berufsunfähigkeitsversicherung, die eine Summenversicherung darstellt, gefunden wird. Stellen wir uns eine junge Dame vor, die ein Rückenleiden hat und deshalb berufsunfähig ist. Darf sie hohe Schuhe tragen oder nicht?

Schlussendlich zeigt Kollege Matthias Helberg in klarer Form auf, dass ein reduzierter Gesundheitsfragenkatalog für den Kunden nicht zwingend einen Vorteil darstellt. Die spontane Anzeigenpflicht gefahrenerheblicher Umstände entfällt damit nicht. Seine Recherchen belegen, dass jeder Versicherer sein eigenes Süppchen kocht. Jeder macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Ein wesentlicher Grund, warum ich solche Verträge nie angeboten habe. 

Was bleibt? Warten auf Godot, denn der Gesetzgeber wird diesen Missstand nicht durch Konkretisierung abschaffen und die Rechtsprechung variiert täglich. Dem Vermittler kann lediglich geraten werden, Grunderkrankungen und ausgeheilte Erkrankungen mit zu erwähnen und vom Versicherer einwerten zu lassen. Von Vorteil sind medizinische Kenntnisse, die Akten entsprechend kommentiert dem Versicherer vorzulegen. Eigentlich müssten wir Vermittler nun die Gesundheitsakte eines Kunden so lange zurückverfolgen und dokumentieren, wie irgendwie möglich. Würden wir mit dem Antrag eine Enzyklopädie an Angaben mit einreichen, wäre das den Versicherern sicherlich auch nicht recht.
Und Rating-Unternehmen? Sie können das unterschiedliche Verhalten der Versicherer nicht abbilden; ein weiterer Beleg dafür, dass sich Vermittler nicht auf Software allein verlassen dürfen.
Das logische Fazit ist, dass die Absicherung der Arbeitskraft sich als eine Tätigkeit für Spezialisten / Fachmakler definiert. Umfangreich sind die Daten, die erhoben werden müssen. Medizinische Interpretationen geben zu können, hilft weiter. Daran wird sich wohl so schnell nichts ändern.

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