Digitalisierung: Jobkahlschlag oder Stellenmotor?

Berater Top News von Florian Burghardt

Die Digitalisierung verändert das Versicherungsgeschäft. Doch welche Auswirkungen hat dieser Umbau auf die Beschäftigten, auf Vertrieb und Innendienst? Darüber sprach procontra mit Thomas Kagermeier, Partner bei Ernst & Young.

Sprach mit procontra über die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf Arbeitsplätze in der Versicherungswirtschaft: Thomas Kagermeier, ehemaliger ADAC-Finanzchef und jetziger Partner bei EY.

Sprach mit procontra über die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf Arbeitsplätze in der Versicherungswirtschaft: Thomas Kagermeier, ehemaliger ADAC-Finanzchef und jetziger Partner bei EY. Foto: Kagermeier

procontra: Immer wieder hört man von digitalisierungsbedingtem Stellenabbau in der Versicherungsbranche. Durch die Veränderungen sollen aber auch wieder neue Arbeitsplätze entstehen. Um wie viel Prozent wird sich die Beschäftigtenzahl in den kommenden 10 Jahren Ihrer Meinung nach verkleinern/vergrößern?

Thomas Kagermeier: Je nachdem, welcher Umfrage man glaubt, führt die Digitalisierung zu einem Abbau von Arbeitsplätzen bis zu 50 Prozent. Das mag in manchen Bereichen sogar stimmen, insgesamt aber gehe ich nicht von einer solchen Größenordnung aus.  Den stärksten Rückgang werden wir in den Bereichen sehen, in denen Robotics und andere Automatisierungsmöglichkeiten den größten Einsatzbereich haben, nämlich in den vielfältigen heute noch manuell durchgeführten Tätigkeiten und Routineabläufen. Basierend auf unseren bisherigen erfolgreich umgesetzten Projekten, ersetzt im Durchschnitt ein Roboter etwa 2,5 Personen.

In anderen Bereichen werden dagegen neue Arbeitsplätze entstehen, die jedoch ein anderes Anspruchs– und Qualifizierungsniveau erfordern.  So werden es Jobs für spezifische und individuelle Abläufe sein, die heute (noch nicht) automatisierbar sind und der Mensch mit seinen besonderen Fähigkeiten die bessere Lösung findet. Einer Studie zufolge, wird über die Hälfte unserer Schulkinder langfristig in Jobs arbeiten, die es heute noch nicht gibt. Wie sich das insgesamt auf die Beschäftigungszahl auswirken wird, ist schwer abzuschätzen, es wird sicherlich Verschiebungen geben: In einzelnen Bereichen wird der Bedarf an Personal abnehmen, dafür wird es neue und spannende Aufgaben für Mitarbeiter in anderen Bereichen geben. Der Qualifizierungsbedarf wird definitiv zunehmen.

procontra: Welche Aufgaben im Versicherungsvertrieb – speziell in der Beratung und Vermittlung – werden in naher Zukunft von Robotern und künstlicher Intelligenz übernommen? Wird die Technik hier in absehbarer Zeit den Maklern und Vertretern ebenbürtig sein?

Kagermeier: Für einfache Abfragen mit eindeutigen Antworten ist das denkbar, eine komplexere Kunden- und Risikoberatung wird noch eine ganze lange Weile von qualifizierten Spezialisten erfolgen müssen. Außerdem lebt die Branche von Vertrauen und Beziehungen, was eine „Künstliche Intelligenz“-Instanz so nicht erreichen kann. Ich glaube vielmehr, dass die technischen Möglichkeiten eine individuelle Beratung wesentlich verbessern und unterstützen können. Auch der Service kann besser werden – viele Anfragen sind eben am Ende doch wiederkehrend und routinehaft – hier kann eine systemtechnische Lösung schnell und zielgerichtet Auskunft geben. Es gibt bereits Unternehmen, die im eigenen Angestelltenvertrieb Einsparungsmöglichkeiten sehen – sicherlich mit der Folge von rückläufigen Personenanzahlen.

procontra: Und wie sieht es im Versicherungsinnendienst aus?

Kagermeier: Wir sehen heute schon eine Vielzahl von Tätigkeiten, vor allem administrative und repetitive Tätigkeiten, die automatisierbar sind. Die Lösungen funktionieren weitgehend schnittstellenfrei und systemübergreifend. Auch wenn die Versicherungsbranche schon viel Effizienz in den vergangenen Jahren erreicht und stetig die Prozesse verschlankt hat, ist der manuelle Anteil der Tätigkeiten noch erheblich. Die Branche hat die Phase des off- und nearshorings der vergangenen Jahre  im Vergleich zu anderen Industrien nicht zu aggressiv umgesetzt; das lässt jetzt Raum für Lösungen der Digitalisierungen. In vielen Unternehmen finden wir eine Vielzahl von Systemanwendungen und IT-Tools aus der Vergangenheit, die eine systemische Vereinheitlichung aufwendig und teuer macht.  Hier helfen Anwendungen wie Robotics schnell und zuverlässig.

procontra: Was können Innendienstangestellte und Vermittler tun, um nicht überflüssig zu werden?

Kagermeier: Es gilt in diesem Zusammenhang was bei jeder Veränderung gilt: Anpassungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft sind hier notwendig. Die Nähe zum Kunden, die Beziehungspflege, der persönliche Kontakt und die individuelle Betreuung – all das kann eine digitale Lösung nicht übernehmen. Und wenn man sich mit den modernen unterstützenden Lösungen auseinandersetzt und erkennt, wie diese bei kundenfokussierten Tätigkeiten unterstützen können, ist der Einzelne sogar besser aufgestellt als heute. Allerdings wird das Festhalten an den gewohnten Abläufen und Tätigkeiten keine Option sein – dafür sind die neuen Lösungen schon heute zu gut.

  • Facebook Kommentare
  • Disqus Kommentare